20 November 2017

Kassel, 24.10.2017
Das Kasseler Forum der Verbände des Betreuungswesens fordert den Bundesrat auf, am 3. November der Neuregelung des Beistandsrechts für Ehegatten in Gesundheitsfragen und der Vergütungserhöhung bei rechtlicher Betreuung um 15 % zuzustimmen!

Hintergrund: Für über 1,2 Millionen Menschen ist in Deutschland ein rechtlicher Betreuer bestellt, weil diese Menschen aus gesundheitlichen Gründen eine Unterstützung bei Entscheidungen brauchen. „Etwa die Hälfte von ihnen wird von Familienangehörigen betreut“, sagte der Vorsitzende des Betreuungsgerichtstages, Peter Winterstein, in Schwerin. Um die anderen kümmern sich gerichtlich bestellte freiberufliche Betreuer oder Betreuungsvereine mit angestellten oder ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die Existenz der mehr als 800 Vereine bundesweit sieht der Betreuungsgerichtstag gefährdet. Lässt der Bundesrat die letzte Chance verstreichen?

Im Bundesrat besteht am 3. November eine allerletzte Chance, das Gesetz zur Beistandschaft von Ehegatten in Fragen der Gesundheitssorge und zur Vergütungserhöhung der Berufsbetreuer zu beschließen.

Befremdliche Entscheidungen des LG Hannover zu Fallzahlen

Das LG Hannover hat am 14.10.2015 einen anwaltlichen Betreuer für nicht geeignet befunden eine Betreuung zu übernehmen, da er bereits 67 Betreuung führt (9 T 51/15). In einem anderen Fall wurde einem Vorschlag einer Betreuten auf eine Bestellung einer neuen Betreuerin nicht gefolgt, da diese Betreuerin zu wenig Zeit habe. Hier führte die Betreuerin bereits 72 Fälle (2 T 27/16).

In beiden Fällen wurde in den Urteilen nichts ausgeführt zur Organisation der Betreuer/in und zur tatsächlichen Belastung.

Landgericht Potsdam: keine strafrechtliche Garantenpflicht für Leib und Leben Betreuer sind anders als Ärzte, Pflegekräfte oder Jugendamtsmitarbeiter keine Garanten für das Leben und die körperliche Unversehrtheit ihrer Klienten im Sinne des § 13 StGB. Wenn Berufsbetreuer zumutbare Vorkehrungen treffen, haften sie nicht für unvorhersehbare Schäden an Leib und Leben ihrer Klienten während ihrer Urlaubszeit. Das Landgericht Potsdam (Urteil vom 11.02.2016, 27 Ns 89/15) sprach eine anwaltliche Berufsbetreuerin vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung gem. § 222 StGB frei, deren Klientin mehrere Tage hilflos in ihrer Wohnung lag und später an den Folgen eines schweren Dekubitus verstarb.

BGH errichtet immer höhere Hürden für die Bestellung von Betreuungen und Einwilligungsvorbehalten

Wenn bei einer schubförmig verlaufenden psychischen Erkrankung bereits wenige Wochen nach der Aufhebung der Betreuung wieder eine Betreuerbestellung erforderlich erscheint, müsse das ganze Verfahren einschließlich eines medizinischen Sachverständigengutachtens durchgeführt werden, so der BGH in einem Beschluss vom 19.10.016 – XII ZB 387/16. Gegen die Aufhebung der Betreuung sei der Betreuer im Übrigen nicht im eigenen Namen beschwerdebefugt, so der BGH.

Nach der Aufhebung der Betreuung war eine geschlossene Unterbringung erforderlich. Gegen die Neubestellung der Betreuung legte der Betroffene Beschwerde ein. Zu Recht, befand der 12. BGH-Senat: das Betreuungsgericht habe ein komplettes Bestellungsverfahren einschließlich der Einholung eines medizinischen Gutachtens gem. § 280 FamFG durchführen müssen. Die einstweilige Anordnung einer vorläufigen Betreuung mit einem ärztlichen Attest gem. § 300 FamFG hat der BGH nicht erörtert.

Angesichts der flächendeckend schon bestehenden Überlastung der Betreuungsgerichte und qualifizierter Gutachter sind die Folgen dieser Entscheidung absehbar: bis nach einer Betreuungsaufhebung das nächste Bestellungsverfahren abgeschlossen werden kann, ist der Krankheitsschub und damit die Betreuungsbedürftigkeit wieder vorüber. Folglich werden für Betroffenen Verfahren gar nicht mehr eingeleitet, auch wenn rechtliche Stellvertretungsbedürftigkeit bestehen sollte. In einer jüngst veröffentlichten Entscheidungsanmerkung im „Rechtsdienst der (Bundesvereinigung der) Lebenshilfe“ (Nr. 2/17, S. 94) wird auf angeblich besser geeignete „andere Hilfen“ ohne Stellvertretungsbedürfnis wie die von Sozialpsychiatrischen Diensten verwiesen – und ansonsten eine Patientenverfügung empfohlen, mit der die gewünschte Behandlung während es Krankheitsschubes festgelegt werden könnte.

Auch für die Bestellung von Einwilligungsvorbehalten hat der 12. BGH-Senat eine neue hohe Hürde errichtet: das Betreuungsgericht muss künftig auch ausdrücklich feststellen, ob der Betroffene sich mit freiem Willen verschulden will, weil auch ein EV nicht gegen den freien Willen bestellt werden dürfe. Auch der Betroffene, der sich permanent in neue Schulden stürze, habe schließlich das verfassungsmäßige Recht auf Selbstschädigung, so der BGH in einem Beschluss vom 17. Mai 2017 - XII ZB 495/16.

Schutzpflicht des Staates muss mit Selbstbestimmungsrecht abgewogen werden

Das Bundesverfassungsgericht hat in Erweiterung von § 1906 Abs 3 BGB Zwangsbehandlungen auch bei lebensbedrohenden somatischen Erkrankungen für zulässig erklärt, wenn die Betroffenen nicht geschlossen untergebracht sind, sich aber einer ärztlichen Behandlung räumlich nicht entziehen können.

Der Gesetzgeber habe die festgestellte Schutzlücke unverzüglich zu schließen, also § 1906 zu erweitern.  Bis zum Inkrafttreten einer gesetzlichen Regelung hat das Gericht die entsprechende Anwendung des § 1906 Abs. 3 BGB bis auf Weiteres angeordnet.

Bundesgerichtshof klärt Voraussetzungen für Sachverständigengutachten

Wenn eine Geschäftsunfähigkeit zu einem früheren Zeitpunkt gerichtlich bewiesen werden muss, dann hat das Gericht ein Sachverständigengutachten zu beauftragen, wenn konkrete Anhaltspunkte für die Geschäftsunfähigkeit vorgetragen werden. Der Bundesgerichtshof erklärte in einem Beschluss vom 14. März 2017 (VI ZR 225/16) den Bericht des sozialpsychiatrischen Dienstes zu einer ausreichenden Voraussetzung für einen Gutachtenauftrag.

Im entschiedenen Fall war ein psychisch kranker Betroffener in den Jahren 2005 und 2006 von einer nahestehenden Person veranlasst worden, ihr insgesamt 159.000 € zu überweisen. Schon 1995 hatten Angehörige eine Betreuerbestellung angeregt. 2011 wurde dann im Rahmen eines Betreuerbestellungsverfahrens eine Stellungnahme des sozialpsychiatrischen Dienstes erstellt, aus der hervorging, dass der Betroffene wegen einer seelischen Erkrankung seit Jahren nicht in der Lage sei, seine geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln.

Bundesgerichtshof stoppt erneut Bevollmächtigungswahn von Gerichten und Behörden

„Der Betroffene will keine Betreuung? Dann soll er doch eine Vorsorgevollmacht unterschreiben!“ Auf diese Weise vermeiden viele Betreuungsbehörden und Gerichte Betreuerbestellungen und Arbeitsaufwand.

Besonders in Württemberg rühmen sich Bezirksnotare, auf diese Weise die niedrigsten Betreuerbestellungsquoten in Deutschland erreicht zu haben. Doch so einfach geht es nicht, wie der Bundesgerichtshof am 15. Juni 2016 (XII ZB 581/15) entschied.