14 Dezember 2018

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… ist nicht kreditwürdig

Auch Frau Eff hat ein Privatleben und da stand bis vor kurzem ein schöner, dicker Röhrenfernseher. Der hat nun den Geist aufgegeben und zehn Jahre, nachdem der letzte Klient einen Fachbildschirm angeschafft hat, hielt auch im Hause Eff die Modernität Einzug. Da das neue Teil HD kann, beschloss ich, den Fernsehempfang zukünftig über die Telekom zu buchen, statt über HD-loses DVB-T. Man ist ja der Sklave der Verbesserungen.

Das Beratungsgespräch im Telekom-Laden auf der Fußgängerzone war recht erfolgreich, wurde mir doch mit Fernsehempfang eine geringere Grundgebühr in Aussicht gestellt, als bei dem uralten Vertrag, den ich seit Jahr und Tag ungeprüft verlängere. Tolle Sache, dann mal los, wollte ich den neuen Vertrag gleich im Laden unterschreiben.
Da zögert der Berater, zieht die Augenbrauen hoch und sagt, er müsse mal telefonieren, da sei ein rotes Blinklicht, das bedeute: Bonitätsabteilung kontaktieren. Ich höre ihn am Telefon murmeln und nachfragen, bevor er mir verkündet, dass die Bonitätsabteilung der Telekom ihm jeglichen Vertragsabschluss mit mir untersage. Sobald mein jetziger Vertrag auslaufe, sei die Geschäftsverbindung zwischen mir und der Telekom sowieso für immer beendet. Als ich etwas geschockt nach der Begründung frage, sagt er: „Eine Begründung müssen wir ihnen keine geben“.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und das moderne staatliche Selbstverständnis

Mit Verweis auf das Informationsfreiheitsgesetzes hat das Verwaltungsgericht Leipzig am 10. Januar 2013 feststellt, dass es einen Zugangsanspruch für alle Bürger Deutschlands auf Telefonlisten der Jobcenter gibt. In der Begründung heißt es: „Es ist Ausdruck modernen staatlichem Selbstverständnisses, die telefonische Erreichbarkeit in beiden Richtungen unmittelbar sicherzustellen, und zwar auch in sogenannten Massenverfahren und grade auch in Bereichen, wo es um die soziale Existenz gehen kann“. Warum war der Rechtstreit notwendig? Weil auf keinem der Jobcenterbescheide die Durchwahl des Sachbearbeiters steht. Diese Nummern sind geheim. Wegen der Nichtzulassungsbeschwerde des beklagten Jobcenters ist das Urteil allerdings noch nicht rechtskräftig.

Trotzdem hat sich Harald Thomé im vergangenen Jahr die Mühe gemacht, Telefonlisten aller deutschen Jobcenter zu sammeln und auf seiner Internetseite (www.harald-thome.de) zu veröffentlichen. Es war Leistungsempfängern und auch uns rechtlichen Betreuern so möglich, die Sachbearbeiter persönlich anzurufen und Fragen direkt zu klären.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin, … und die wiedergefundene Mutter

Die Klientin Beate G. habe ich vor elf Jahren übernommen, als sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie volljährig wurde und eine rechtliche Betreuerin die Aufgabe des bisherigen Vormundes übernehmen musste. Beate besteht bis heute darauf, dass ich sie mit Vornamen anspreche. Ihr Nachname ist für sie fremd und voller schlechter Erinnerungen an ihre Familie, die sie mit 14 Jahren verlassen musste. Die Familie bestand damals nur noch aus Vater und Bruder, die Mutter war schon viele Jahre vorher mit ihrem besten Freund, Herrn Alkohol, durchgebrannt.
Beate gilt als leicht geistig behindert. Sie leidet zudem an einer psychischen Störung, die sich in Realitätsverlust, Wahnvorstellungen, Ängsten, Schlaflosigkeit und Selbstverletzungen äußert.

Im Laufe der Jahre gab es bei der Suche nach einem Platz zum Leben für Beate zwar immer wieder Rückschläge, Klinikeinweisungen und Verlegungen, aber seit drei Jahren ist endlich die richtige Umgebung gefunden. Eine nicht zu große Wohngruppe am Rande einer Kleinstadt, und eine reizarme, klare Tagesstruktur in einer nahegelegenen Förderstätte. Versuche in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung waren fehlgeschlagen, weil auch schon eine Teilzeitbeschäftigung Beate psychisch zu sehr belastet hatte.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die neuen Ibabiks

Frau Eff findet im Alltag immer wieder Hinweise, wie rechtliche Betreuungen vermieden und den Betroffenen mit niedrigschwelligen Hilfen weitergeholfen werden kann. Diese Beispiele zeigen aber gleichzeitig auch, dass die Ursache für die Zunahme von Verwirrung unter der Allgemeinbevölkerung keine krankhafte oder behinderungsbedingte ist, sondern der verantwortungslosen Dummheit von Entscheidungsträgern geschuldet werden muss.

Gestern fing mich bei einem Hausbesuch die Nachbarin meiner Klienten ab und fragte, ob ich ein paar Minuten Zeit hätte. Sie habe da ein ganz schlimmes Problem, eigentlich eine persönliche Katastrophe. Ich würde auch ein Stück Marmorkuchen bekommen, wenn sie mich um Rat fragen könne.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die paradoxe Intervention

"Herzlich Willkommen an der Grenze der Belastbarkeit. Was hat Sie hergeführt?" sagt eine Stimme aus dem All, als ich gerade mal wieder vor Verzweiflung in den Schreibtisch beiße. „Was mich hier hergeführt hat? Die Schwachköppe von der Krankenkasse und Frau G., die ständig nach mehr Geld fragt und Herr A., der jetzt gar keinen mehr in seine Wohnung lässt und mein Drucker, der graue Streifen druckt und Familie Ö., deren Katze heute sieben Junge geworfen hat. Das reicht doch wohl!“ schreie ich in Richtung Himmel. Interessiert da oben aber keinen. Auch die göttliche Alltagsbegleitung ist im Grunde nicht mehr als eine anonyme Bandansage. Also muss ich mir wieder selbst helfen, indem ich zu einem bewährten Mittel greife: Paradoxe Intervention.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die heitere Fortbildung

Selten genug findet man etwas, das man gar nicht gesucht hat. Wie schön, wenn das überraschend Gefundene dann auch noch beruflich nützlich ist. Warm in eine Decke gemummelt, liegt Frau Eff auf dem Sofa und liest Sven Regeners nicht mehr ganz so brandneues Buch „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (Galiani-Berlin 2013, 22,99 EUR). Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Lektüre eine astreine sozialpsychiatrische Fortbildung ist, die auf sehr unterhaltsame Weise eine psychische Erkrankung aus Klientensicht darstellt und zudem demonstriert, wie kreativ man auch als Betroffener die alten Sozialarbeitersprüche nutzen kann, die die Betreuer seit Jahrzehnten unverändert ausspucken.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Postbank

Lange hat Frau Eff geduldig mit angesehen, wie Herr K. sich in die Verschuldung begeben hat. Vor zwei Monaten war die Sache dann nicht mehr zu verantworten. Der elegante Herr konnte trotz geringen Einkommens seinen gehobenen Lebensstil nicht aufgeben und hatte jeweils zum Zehnten des Monats sein Konto schon leergeräumt. Rechnungen blieben offen, Nebenkostennachforderungen unbezahlt. Auf freiwilliger Basis ging auch nichts mehr, also kam es zum Einwilligungsvorbehalt.

Als die neue Bestellungsurkunde eintraf, habe ich sie unverzüglich an die Postbank gefaxt, und wenn jetzt schon die Hälfte von Ihnen bei dem Wort „Postbank“ aufstöhnt, tun Sie das zu Recht. Mein Plan war: Ich sperre das Postbank-Girokonto für die Verfügungen durch Herrn K., gebe ihm aber Schecks, mit denen er wöchentlich sein Wirtschaftsgeld abheben kann. Das hat in der ersten Woche auch gut geklappt. Heute ruft mich Herr K. an, er bekomme kein Geld. Das ist natürlich sofort ein riesen Drama, kein Geld heißt keine Zigaretten, heißt: die Welt geht unter. Deshalb hänge ich mich sofort ans Telefon, überwinde die Hindernisse des Kundenservice („drücken Sie die 8 – drücken Sie die 3 – buchstabieren Sie ihre Kontonummer“) und bitte die Postbankmitarbeiterin um Erklärung. Die meint: „Das ist alles richtig so.“