16 Oktober 2018

FrauEffFrau Eff… und die Betreuer als Familienschreck

Es wird ja in Funk und Fernsehen viel geschimpft über die rechtlichen Betreuer, die vermeintlich treusorgende Angehörige ignorieren, gewachsene Familienstrukturen zerschlagen und aus Faulheit ihre Klienten ins erstbeste Pflegeheim verfrachten, ohne sich dann weiter um sie zu kümmern.
Dass es auch anders kommen kann, erlebe ich in meinem Alltag und auch bei Kollegen immer wieder. Wobei es leider eher nicht so selten ist, dass sich Familienangehörige aufregen und auf uns Betreuer schimpfen. Nicht nur, wenn wir ihren behinderten Angehörigen etwas verwehren, sondern auch, wenn wir ihnen das geben, was ihnen zusteht.

So zum Beispiel bei Herrn C. Der 92-jährige ist sehr vermögend. Sein großes Haus bewohnt er seit 60 Jahren. Obwohl er, zuletzt auch mit Hilfe seines Betreuers, den Haushalt und seine Pflege mit einem Heer von Hilfskräften und Hausangestellten aufrecht erhalten hat, geht es eines Tages beim besten Willen nicht mehr. Herr C. entscheidet sich für einen Umzug ins Pflegeheim.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… schreibt dem Jugendamt

Liebes Jugendamt,
ich schreibe Ihnen heute, weil ich immer alles besser weiß und weil ich wirklich keine Lust habe, in ein paar Monaten zwischen lauter Leuten zu sitzen, die Stress machen und sich gegenseitig Anwälte auf den Hals hetzen. Wie Sie wissen, geht es um die 25 Jahre alte, geistig und seelisch behinderte Frau S., die ich betreue. Ich hatte Ihnen vor einiger Zeit mitgeteilt, dass Frau S. im dritten Monat schwanger ist und meiner Ansicht nach keinesfalls in der Lage sein wird, ein Kind alleine großzuziehen. Wie ich finde, habe ich diese Einschätzung nachvollziehbar begründet und belegt, mit einer fünfseitigen Schilderung der aktuellen Lebenssituation, etlichen Gutachten und dem Hinweis darauf, dass Sie, also das Jugendamt, vor vier Jahren das erste Kind von Frau S. wegen Kindeswohlgefährdung in Obhut genommen haben. Dies nicht etwa aus der unbetreuten eigenen Wohnung von Frau S., sondern aus einem Mutter-Kind-Heim für Menschen mit Behinderung.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… ist krank

Hohes Fieber und widerwärtige Viren haben die arme Frau Eff niedergestreckt. Leise jammernd, umsorgt vom Ehemann, schlürft sie schicksalsergeben ihre Hühnersuppe und macht sich Gedanken. Schlimmer noch: Frau Eff macht sich Sorgen. Ihren Bruder hat es letztens auch umgehauen, und zwar von einer Leiter. Das Ergebnis war ein extrem komplizierter Bruch des Fußgelenks und eine siebenmonatige Arbeitsunfähigkeit inklusive Reha-Maßnahme. Würde mir das passieren, wäre das eine mittlere Katastrophe.

Mit der Wärmflasche an den Rippen male ich mir aus, was passieren würde, wenn ich von einem Tag auf den anderen für eine längere Zeit ins Krankenhaus käme. Für ein paar Tage oder auch Wochen könnte meine Urlaubsvertretung einspringen. Aber dann? Ich betreute zurzeit 39 Klienten, fast alle sind jünger als 50 Jahre und leben in einer eigenen Wohnung. Die Kollegen wissen, was das in Bezug auf planbare Arbeit heißt. Kein Kollege könnte meinen Schreitisch und die Betreuten einfach so für längere Zeit übernehmen. Dazu kommt, dass die hiesigen Gerichte nie einen Vertretungsbetreuer in die Beschlüsse aufnehmen. Offiziell ist also schon einmal gar keiner zuständig oder handlungsbefugt. Keiner weiß, was bei den Klienten aktuell ansteht, keiner kennt ihre Geschichte genau (auch nicht meine Urlaubsvertretung) und mein Terminkalender ist im Computer ebenso gut versteckt wie alle Kontaktdaten der Klienten.

Fotolia_FrauEff_8857232_XSFrau Eff, Berufsbetreuerin… liest ein Fachbuch

Manchmal hat man im Betreuungsbüro nicht nur Klienten am Telefon, die einem die verworrensten Geschichten erzählen und ihr Herz ausschütten müssen. Es gibt Tage, da braucht auch mal der eine oder andere Kollege ein offenes Ohr und etwas Mitleid. Nicht immer ist es dann einfach, a) zu verstehen, was der Kollege beklagt und b) einen Ratschlag zu geben.
Oft ist die Ursache für die kollegiale Verärgerung und Überforderung am anderen Ende der Leitung ein komplizierter Fall, dessen Feinheiten und Zwickmühlen von den zuständigen Behörden ignoriert werden. Um hier gemeinsam weiter denken zu können, muss auch Frau Eff die Sache erst einmal verstehen und bitte dann darum: Erklär mir das, als sei ich fünf Jahre alt. Das hilft echt und ehrlich weiter – ich schwöre. Dasselbe Prinzip wende ich gerne auch bei Jobcentern, Krankenkassen und anderen Verstandsverweigerern an. Ich begreife ja vieles wirklich nicht. Wenn man dann den Sachverhalt sehr kleinschrittig, bewusst naiv und anschaulich wie in einem wenn-dann-Flussdiagramm darlegt, kommt man einem Ergebnis oftmals schnell näher.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die vollen Tage

Ich kenne Leute, die lesen über Stunden hinweg aufregende Bücher, in denen viele Personen mit ihren abenteuerlichen Geschichten vorkommen. Oder sie gehen ins Kino, um dort mit Helden und Verlierern etwas Action in ihren ereignislosen Alltag zu bringen. Ein solches Ansinnen ist mir als rechtlicher Betreuerin fremd. Ich lese zwar gerne Bücher oder gehe ins Kino, aber nicht, um noch mehr Leben in meinen Kopf zu bekommen. Meine Tage sind voll genug. Hier eine kleine Kostprobe von heute:

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und Exklusion durch Armut

In einem Radiointerview sagte letztens jemand von einer Sozialberatungsstelle in Düsseldorf: „Arm ist, wer noch nie am Rhein spazieren war“. Wie jetzt, frage ich mich, das kostet doch nix. Es wurde dann erklärt, dass dieses Beispiel Familien betrifft, die sieben, acht Kilometer weit vom Rhein entfernt wohnen und keine Ahnung haben, dass es am Wochenende günstige Familientickets für die Fahrt mit der Straßenbahn gibt. Normale Fahrscheine für Mutter, Vater und Kinder würden 20 Euro kosten, da geht man lieber im Stadtteil spazieren. Außerdem, erzählen die Eltern, fühle man sich unter den Leuten auf der Flaniermeile nicht wohl. Das hat Frau Eff nachdenklich gemacht. Ich fühle mich unter den Reichen und Schönen von Düsseldorf auch nicht wohl. Trotzdem gehe ich am Rhein spazieren. Die Schickimickis haben einen gewissen Unterhaltungswert und besonders im Frühjahr ist ein Eis am Flussufer etwas Schönes.

Fotolia_FrauEff

Die Betreute Frau J. ist schon seit dem Beginn ihrer Volljährigkeit, also seit mehr als zehn Jahren bei mir „unter Vertrag“. Eine intellektuelle Minderbegabung und die massive sexuelle Misshandlung durch ihren Vater, als sie sieben Jahre alt war, beschweren und erschüttern ihr Leben bis heute. Ein nomadenhaftes Umzugsverhalten, fehlende Bindungsfähigkeit, wöchentlich wechselnde Freunde und eine extreme Unruhe ziehen sich durch ihr Leben, und damit auch durch meines. Ihre Heimatlosigkeit ist allumfassend. Keine Stadt, keine Bekanntschaft, keine professionellen Helfer, keine gemütlich eingerichtete Wohnung, kein Haustier, weder ihr Körper noch die gar nicht so seltenen positiven Erfahrungen können ihr Halt und Geborgenheit geben. Sie verlässt alles und jeden, sobald sich die kleineste Schwierigkeit anbahnt, und zieht dabei auch betreuungsrechtlich eine Spur der Verwüstung hinter sich her.