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17 Oktober 2019

fotolia fraueffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Werkstatt für Menschen mit Behinderung

Ich sage es besser sofort am Anfang: Frau Eff ist keine große Freundin von Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Grundsätzlich nicht. Natürlich ist es für Viele ein Glück, die Angebote der WfMB nutzen zu können, aber die Autoren der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen haben glaube ich etwas anderes im Sinn als diese exklusiven Stätten am Stadtrand.
Ich formuliere es mal etwas überspitzt (also nicht gleich aufregen):

fotolia fraueff 8857232 xsFrau Eff… und der Klientenblick

Es ist ein warmer Sommerabend in Brüssel, eine Stadt, die Frau Eff sehr mag. Ganz in der Nähe des königlichen Palastes, zwischen Jugendstilhäusern und Bürogebäuden geht laut schimpfend ein Mann. Seine Sprache ist nicht zu entziffern, seine Wut lange gekocht. Mit großer Empörung hebt er die Faust und ruft mir etwas zu. Während ich weitergehe, überlege ich, wo er wohl schläft, diese Nacht. Man sieht in der Stadt viele Obdachlose, die auf den Gehwegen ihre Zelte aufgeschlagen haben. Manchmal stellen Anwohner ihnen Wasserflaschen, Brot und Hundefutter vor den improvisierten Unterschlupf. Wie ist die psychosoziale Versorgung in Belgien? Gibt es so etwas wie rechtliche Betreuung? Wie sieht es in den Psychiatrien aus? Das geht mir in dem Moment gleich durch den Kopf.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und der Hamsterhimmel

„Frau Eff, ich brauch’ zehn Euro. Kannste auf Sparbuch machen?“ fragt die Betreute Silvia U. grußlos morgens um acht Uhr am Telefon. Im Hintergrund laute Geräusche von Straßenverkehr und Kindern, ich vermute, Frau U. ist im Bus unterwegs in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
„Guten Morgen Frau U. Zehn Euro sind viel Geld. Wofür brauchen Sie die?“
„Für Sarg, für Boris.“
„Wer ist Boris?“
„Mein Hamster, kennstu doch, der ist gestern Abend ausgestorben, glaub’ ich“.
„Wie, glauben Sie?“
„Der macht nichts mehr und der stinkt voll krass.“

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Toten

Im Aktenlager stapeln sich die archivierten Ordner, im Computer die Dateinamen unter der Rubrik „Abgeschlossene Betreuungen“. Die meisten meiner Betreuungen werden durch den Tod beendet, mal plötzlich, mal in qualvoller Langsamkeit.
Die Nachricht vom Tod eines Klienten habe ich manchmal nur auf dem Anrufbeantworter, von der müden Nachtwache eines Heimes als Pflichtübung hinterlassen. Oft sind es auch Krankenhäuser, die mich informieren, Ärzte, Pfleger. Ab und zu die Polizei.

Inzwischen sind schon 32 Menschen gestorben, die zu irgendeinem Zeitpunkt als Betreute mit ihrem ganzen Rucksack an Geschichten in mein Leben gekommen waren.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Rettungswagenrechnung

Die Feuerwehr unserer schönen Stadt verlangt 941,70 EUR von Frau A. und das kam so:

Frau A. ist mittelgradig geistig behindert und langweilt sich schnell. Wenn ihr sehr langweilig ist, provoziert sie in der Behindertenwohngruppe, in der sie lebt, gerne mal ein kleines Durcheinander. Dazu beißt sie einen Mitbewohner in den Arm, zündet in ihrem Zimmer die Wäsche an oder wirft Lebensmittel aus dem Fenster. Wenn das nicht die erhoffte Wirkung zeigt, stapft sie in die Stadt und geht zur Notaufnahme des Krankenhauses. Dort zieht sie alle Register einer notfallmäßigen Erkrankung (Atemnot, Unterleibschmerzen, Ohnmacht, plötzliche Taubheit etc.) und kann sicher sein,

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und der Gesetzgeber

Gerade tobt ja mal wieder die Auseinandersetzung zwischen Berufsbetreuern und Gesetzgeber über die Höhe der Vergütung für unsere Arbeit. Frau Eff ist selbstverständlich auch der Meinung, dass sie einen mindestens so hohen Stundenlohn bekommen sollte, wie ihr Automechaniker. Aber trotzdem verstehe ich vieles nicht, was in der Diskussion derzeit von verschiedenen Seiten geäußert wird.

Der Gesetzgeber ist der Meinung, dass rechtliche Betreuung ehrenamtlich stattfinden soll. Der Staat geht also grundsätzlich davon aus, dass es sich Verwandte oder Freunde finden, die diese Aufgabe übernehmen und Angehörige rechtlich betreuen. Nur wenn sich ausnahmsweise einmal niemand bereiterklärt, hier Unterstützung zu leisten, dann soll jemand Fremdes dafür bezahlt werden.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… träumt von Hilfen aus einer Hand

In der Medizin hat es sich ja längst herumgesprochen, dass man den Menschen nicht als ein Lager von unabhängigen Einzelteilen sehen sollte, sondern als korrespondierendes System, dem man ganzheitlich begegnet. Im sozialen Bereich ist diese Erkenntnis bisher noch nicht bis zu den Leistungsträgern durchgedrungen. Benötigt jemand psychosoziale oder pflegerische Hilfen, muss er oder sie sich auf eine Invasion von Fachleuten und Zuständigkeiten gefasst machen. Ein schönes Beispiel für diesen Irrsinn ist Herr J. Er nennt alle die ausdifferenzierten ambulanten Helfer, die zu ihm kommen, augenzwinkernd „mein Personal“ und kann der Sache mit Humor begegnen. Zum Glück.