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19 Januar 2020

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Selbstbestimmung

„Wären Sie denn damit einverstanden, dass Frau Eff in Zukunft ihre rechtliche Betreuerin ist und alles Notwendige für Sie regelt?“, fragt der Richter mit lauter, nachdrücklicher Stimme nun schon zum dritten Mal die alte Dame, die ihn mit angsterfüllten Augen anschaut. Vor drei Wochen ist sie böse gestürzt, die Anhörung findet im Krankenhaus statt, der Arzt hat ihr gesagt, sie könne auf keinen Fall mehr zurück in ihre Wohnung.

„Sie sehen doch selbst, dass Sie mit Ihrer Suchterkrankung nicht mehr alleine klar kommen. Wenn Sie nicht einwilligen, hier im Wohnheim einen neuen Anfang zu machen, sehe ich schwarz für Ihre Zukunft. Sie müssen sich jetzt mal dazu äußern, also: Ja oder Nein?!“. Der Abteilungsleiter des Heimes will eine Entscheidung. Ohne eine Willensbekundung, einen „Auftrag“ des Klienten, sagt er, wolle er ihn nicht aufnehmen.

„Aber die Dreimonatsspritze ist doch viel praktischer, als die Pille! Da musst Du nicht jeden Tag eine Tablette nehmen“, wird der lernbehinderten Daniela beim Frauenarzt von der Mitarbeiterin des Behindertenwohnheims eindringlich nahe gelegt. Die Gynäkologin hat die Spritze schon in der Hand. Daniela guckt skeptisch und verschränkt die Arme.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… wird beliefert

Es klingelt. Ich bin gerade mitten in der Rechnungslegung für Frau M. und es sind seit zwei Stunden unterm Strich 0,42 Euro zu viel. Zu viel! Wie ich das hasse. Es klingelt wieder, ich laufe zur Tür und bediene die Gegensprechanlage:
„Ja bitte, wer ist da?“
„Bofrost!“
„Ich hab nichts bestellt.“
„Doch, zweimal Riesengarnelen, einmal Knusperente, zweimal Rösti-Baguettes und einmal Waffelhörnchen.“
„Hab ich nicht bestellt, nie im Leben!“
„Sind Sie nicht Frau B.?“
„Nein, ich bin Frau Eff und ich habe nichts bestellt.“
„Frau B. hat aber Ihre Adresse. Wohnt die nicht hier?“
„Nein, aber ich bin ihre rechtliche Betreuerin und ich habe Ihnen geschrieben, dass Sie keine Bestellungen mehr von Frau B. entgegen nehmen sollen und sämtlichen Schriftwechsel wegen der Mahnungen mit mir führen müssen.“
„Warum denn das?“
„Weil Frau B. kaufsüchtig ist und den Tiefkühlkram weder braucht noch bezahlen kann.“
„Versteh ich nicht. Warum bestellt die das dann?“

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Nebentätigkeiten

Unter dem Betreuungsgutachten für die neue Klientin steht mal wieder der Name des Oberarztes der hiesigen psychiatrischen Klinik. Seltsam, dass der vielbeschäftigte Mann anscheinend Zeit hat, außerhalb seiner Dienstzeit aufwändige Gutachten zu verfassen. Will ich ihn als Klinikarzt sprechen, ist er entweder in der Visite, auf einer Fortbildung, bei der Übergabe oder zu Tisch. Welcher Schreibkraft der Herr Doktor seine eloquenten und mit Fachvokabular gespickten Gutachten diktiert, will ich lieber nicht wissen. Es gibt da aber offene Geheimnisse.

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin … und die Betonköpfe

„Frau Eff“, ruft mich völlig aufgelöst die Betreute Elvira M. an „die haben uns 230 Euro gestrichen, wovon sollen wir denn jetzt leben!“. „Die“ sind die vom Jobcenter, und ich rufe gleich mal die Sachbearbeiterin an, um zu erfahren was da los ist. „Jaaa…“, erläutert mir die zuständige Dame mit unverhohlenem Stolz in der Stimme „wir haben davon Kenntnis erhalten, dass die Tochter ihrer Betreuten seit vier Monaten ein Einkommen hat, das nicht angegeben wurde“.

Mit einiger Mühe erfahre ich, was passiert ist: Die psychisch kranke Frau M. lebt als allein erziehende Mutter mit drei Kindern im Alter von acht, elf und 18 Jahren in einer kleinen Wohnung.

Fotolia_FrauEffFrau Eff… macht Urlaubsvertretung

Kollegin Susanne ist für drei Wochen in Frankreich, Kollege Paul liegt mit Schlüsselbeinbruch im Krankenhaus und Frau Eff macht für beide die Vertretung, d.h. 87 Fälle zusätzlich.
Vertretung bedeutet bei uns im Amtsgerichtsgezirk nicht, dass Frau Eff in den Bestellungsurkunden offiziell als Vertretungsbetreuerin eingetragen wäre. Das hatten ein paar Richter mal ausprobiert und schnell wieder drangegeben, als die benannten Vertreter wegen Berufsaufgabe oder ähnlichen Unwägbarkeiten kaum besser greifbar waren, als die abwesenden „Hauptbetreuer“. Ständig mussten Urkunden aktualisiert und neue Vertreter gefunden werden. Das war zu umständlich. Jetzt machen wir es so: Ist ein Betreuer mehr als zwei Tage nicht erreichbar, nennt er auf seinem Anrufbeantworter die Telefonnummer eines Vertreters, der dann Ansprechpartner für alle dringend Fragen ist. Meist sind ja trotz allem Palaver doch nur organisatorische Fragen zu klären. Steht tatsächlich eine unaufschiebbare betreuungsrechtliche Entscheidung an, setzt sich die Vertretung mit dem Amtsgericht in Verbindung und wird dann (meist per Fax) offiziell als Vertretungsbetreuer bestellt – oder das Gericht trifft die Entscheidung im Eilverfahren selbst, z.B. bei Operationen.

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Meine Klienten sind statistisch gesehen wirklich eine bemerkenswerte Sondergruppe. Ungefähr 200 Mal häufiger als dem Durchschnittsbürger wird ihnen zum Beispiel die Kontokarte gestohlen. Sie verlieren sie nicht, nein, sie wird ihnen gestohlen. Aus dem Portmonee, das sich in der vorderen Hosentasche unter einem dicken Mantel befindet, auf offener Straße, unbemerkt. Sofort wird natürlich die Betreuerin angerufen „Frau Eff, ich bin in der Fußgängerzone, meine Geldkarte ist geklaut, jetzt hebt sicher jemand mein ganzes Geld ab! Du musst zur Polizei!“.

„Immer mit der Ruhe“, sagt Frau Eff und schaut im Online-Banking nach. Dort sehe ich viele Abhebungen, und zwar nicht die mit der ausgeraubten Klientin Silvia G. vereinbarten 70 Euro pro Woche. Interessanterweise lässt sich mit den dort aufgeführten Orten, an denen Geld abgehoben wurde, genau der Weg nachvollziehen, den Silvia G. von gestern Abend bis heute Vormittag zurückgelegt hat: Werkstatt für behinderte Menschen, McDonalds am Bahnhof, ihre Wohnadresse und gerade, vor nicht einmal fünf Minuten, die Fußgängerzone.

Fotolia_FrauEff

Immer mal wieder nehme ich eine der zahlreichen Fachzeitschriften zur Hand und lese mich durch wortreiche und sinnkluge Artikel. Man erfährt dort viel über die UN-Konvention für die Rechte von Behinderten, es werden Frage gestellt wie „Wie zukunftsfähig ist die Sozialpsychiatrie im globalen Netzwerkkapitalismus?“, das Recht auf Selbstbestimmung wird trialogisch diskutiert sowie eine bessere Zusammenarbeit der Gemeindepsychiatrischen Verbünde mit den gesetzlichen Betreuern gefordert.
Nach zehn Seiten Fachlektüre bin ich dann immer ganz unleidlich und muss an die frische Luft. Weil ich mich darüber aufrege, so unpraktische Dinge zu lesen.