27 Juni 2017

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die finanziellen Verhältnisse

Wie in vielen Betreuungsfällen, muss Frau Eff auch bei Herrn K. nicht nur die aktuellen Ausgaben im Blick behalten, sondern auch die zukünftigen. Das ist nicht einfach, weil das Gericht keinen Einwilligungsvorbehalt angeordnet hat und das Konto von Herrn K. selten ein größeres Guthaben aufweist.

Mit großem Glück hat Herr K. zusätzlich zur kleinen Erwerbsminderungsrente einen sogenannten Mini-Job ergattert und freut sich wie ein Schneekönig, nun endlich mal etwas mehr Geld zur Verfügung zu haben. Die nervige Frau Eff trübt seine Freude, indem sie andauernd daran erinnert, dass er sich selbst krankenversichern muss. Alle für die Beitragsberechnung notwendigen Unterlagen sind bei der Krankenversicherung eingereicht, die Berechnung zieht sich aber hin wie Kaugummi. Als endlich der Bescheid über die monatlichen Beiträge in Höhe von 210 Euro kommt, die natürlich auch nachträglich gezahlt werden müssen, sieht es auf Herrn K.s Konto ziemlich mager aus.

Zerknirscht gibt Herr K. zu: „Ja, ich weiß, ich habe über meine Verhältnisse gelebt. Endlich mal eigenes Geld, hab‘ ich mir gedacht, endlich mal nicht mehr vom Sozialamt abhängig sein. Da habe ich mir was gegönnt, eine neue Hose, ein Steak, der Hund war beim Frisör, dem ist doch bei der Hitze sonst so warm…“ Es fällt mir nicht schwer, Herrn F. zu verstehen. Tatsächlich ist es so, dass es mir fast unmöglich ist, ihm böse zu sein. Ich habe zwar jetzt den schwarzen Peter und weiß nicht, woher ich schnell mal 210 Euro zaubern soll, aber irgendwie geht davon auch nicht die Welt unter. Es wird mir schon eine Lösung einfallen. In meinem wohlverdienten Feierabend, zählen mein Mann und ich uns gegenseitig auf, was wir in den letzten Tagen Unnötiges gekauft haben, um uns etwas zu gönnen. Kleine, überflüssige Dinge, süße Belohnungen, guilty pleasures: Die teure englische Musikzeitschrift am Bahnhof, das Essen im Restaurant, das schöne T-Shirt, das wir nun wirklich nicht brauchen, die Karten für das Konzert, die Taxifahrt, das Buch, das dann doch nicht so interessant war, das Stück Kuchen kurz vor dem Abendessen, die DVD, zweihundert Fotoabzüge.

Klar, man könnte sagen, dass ich für meinen Luxus hart arbeite und mir das verdient habe. Außerdem stürzen mich meine Ausgaben nicht ins Minus. Herr K. arbeitet aber auch hart. Es ist nicht sein Fehler, dass er behindert ist und damit auf dem deutschen Arbeitsmarkt überflüssig. Es ist auch nicht sein Fehler, dass er Fehler hat. Er kann nicht perfekt sein. Er muss sich mal ausgelassen und maßlos freuen dürfen. Er muss sich mal, ein verdammtes Mal, unvernünftig verhalten dürfen, sonst wird er verrückt. Also noch verrückter, als er sowieso schon ist. Vielleicht ist es auch meine Aufgabe, ihm dabei etwas den Rücken zu stärken, der Krankenversicherung eine Ratenzahlung anzubieten und nicht mit Herrn K. zu schimpfen.

Ich könnte mir schon vorstellen, eine gewisse Zeit mit dem Hartz IV-Satz auszukommen. Es gibt ja genug Journalisten, die das immer mal wieder probieren und dann ein Kochbuch mit kostengünstigen Rezepten herausbringen. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, gar kein anderes Leben mehr vor mir zu haben, als das mit 391 Euro im Monat. Die meisten Menschen, die ich betreute, sind so krank oder behindert, dass dies genau ihre Perspektive für die kommenden Jahrzehnte ist. Nichts, gar nichts, auch kein Wunder und kein Lottogewinn wird sie da rausholen. Das ist so, als würde man im Schlaraffenland leben und dürfte nur trockenes Brot essen. Wir Betreuer machen uns vielleicht nicht oft genug klar, was Armut für unsere Klienten bedeutet.