26 März 2017

Die Betreuungsstelle fragt wegen der Übernahme eines neuen Falles an, und weil es nicht so kompliziert klingt, sage ich gleich zu. Wenige Tage später ist dann auch schon die Anhörung bei dem alten Ehepaar. Ich soll eine Frau betreuten, weil ihr Ehemann mit allem überfordert ist. „Mit allem“ umfasst in seinem Fall tatsächlich so gut wie alles. Auf den ersten Blick ist es vielleicht nur die tägliche Pflege seiner achtzigjährigen, inkontinenten, dementen Ehefrau. Er muss ihr bereits um halb sechs in der Nacht die ersten Medikamente geben, er muss sie waschen, anziehen, ausziehen, füttern, beaufsichtigen und auf jedem Schritt begleiten. Er muss ihre Launen und ihre irrationalen Wünsche aushalten. Er hat kaum ein eigenes Leben mehr. Er hat sich hartnäckig und in kleinen Schritten durch die Mühen der Antragstellungen durchgearbeitet. Er hat eine Pflegestufe und zwei entlastende Tage in der Tagespflege erkämpft. Er hat tausend andere Dinge bedacht, beantragt, versucht, geändert, erreicht und verworfen.

Jetzt kann er nicht mehr. Seine Frau läuft ihm ständig weg, sie macht in die Hose, sie beschimpft ihn, sie streiten sich, er versteht seine Frau nicht mehr, er versteht die Welt nicht mehr. Seine Welt ist eine katholische, seine Welt ist die Ehe, die Familie.

Als rechtliche Betreuerin werde ich hier das übliche Programm abspulen. Ich werde zwar versuchen, ambulant zu retten, was zu retten ist. Ich ahne aber jetzt schon, dass die körperliche und psychische Erschöpfung des Ehemannes so groß ist, dass seine Frau in ein Pflegeheim muss. Vor dieser Entwicklung fürchtet sich der Mann seit zwanzig Jahren. „Ich will sie doch nicht ins Heim abschieben“ klagt er. „Ich habe es ihr doch versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten will ich zu ihr stehen.“

Wie so oft schon frage ich mich an dieser Stelle, warum es so wenige stationäre Angebote gibt, die auf diese Konstellation zugeschnitten sind: Ein pflegebedürftiger Ehepartner und ein kerngesunder anderer. Wie Pilze schießen in unserer Region die barrierefreien Seniorenwohnkomplexe aus dem Boden, die immer auch damit werben, dass sie ein „erweitertes Serviceangebot“ bereithalten und in Partnerschaft mit einem Pflegedienst stehen. Das heißt aber im Klartext meistens nur, dass die Broschüren vom „Essen auf Rädern“ und vom Pflegedienst der Caritas an den Mietvertrag getackert werden, mehr nicht.

Was mir für das oben genannte Ehepaar vorschwebt, wäre eine Wohnung, die baulich an ein Pflegeheim angegliedert ist, die ein Pflegebett und das komplette Heimangebot für die Frau enthält, und ansonsten dem Mann eine Wohnung bietet, die seiner jetzigen Lebenssituation entspricht. Er möchte gerne mit seiner Frau zusammen leben, ohne sein gewohntes Leben aufgeben zu müssen. Er will selbst kochen, putzen, Besuch empfangen etc. Er will seine Frau nicht alleine lassen, weil er es ihr versprochen hat. Weil er sie liebt. Weil sie schon 50 Jahre zusammen gelebt haben.

Ich weiß, dass es solche Angebote gibt. Aber sie sind in unserer Region sehr selten. In der Regel ist es nicht vorgesehen, dass der stationär pflegebedürftige Mensch einen gesunden Partner hat, mit dem er oder sie zusammenleben möchte. Hier sind vielleicht ein paar neue Ideen für die Zukunft gefragt.