12 Dezember 2018

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Mal wieder zum Frisör. „Bei Ihnen müssen wir erstmal eine Pflegespülung machen, sie haben ja strohtrockene Haare!“, sagt die Frisörin anklagend, als sie mir ihre Finger wenig vorsichtig durch die Mähne zieht. „Sie sollten auch nicht diese Spangen benutzten, die machen das Haar an der Stelle ganz spröde und brüchig. Schon mal über eine andere Farbe nachgedacht? Etwas dunkler würde Ihnen gut stehen!“. Ich sitze vor dem Spiegel, in einem hochgebockten Stuhl, den Frisierumhang eng am Hals, und fühle mich der Frisörin hilflos ausgeliefert. Sie kritisiert an mir herum, macht ständig Verbesserungsvorschläge, die sie gaaanz toll findet und stellt mir eine persönliche Frage nach der anderen. „Haben Sie Probleme mit Schuppen?“ Ich versuche ihrem Verbesserungswahn dadurch zu entkommen, dass ich ihr nicht in die Augen schaue und möglichst nicht antworte.

Und mir kommt eine Situation in den Sinn, die ich vor einer Stunde verlassen habe: Hilfeplangespräch mit Felix K. Wie widerwillig der junge Mann unsere Fragen beantwortet hat. Wie ausweichend er seine Wünsche formuliert und unsere Vorschläge abgewehrt hat. Wie genervt er seine Finger geknetet und vor den Tisch getreten hat. Während mir der Kopf gewaschen wird, wird mir klar, dass Felix K. Begriffe wie „Tagesstruktur“, „Mitwirkungspflicht“ und „Eingliederungshilfe“ genauso wenig mit seinem Leben verbindet, wie ich „Dauerwelle“, „Haarverdichtung“ oder „Colorationsberatung“.

Ich finde es unsensibel und furchtbar, wie mir die muntere Frisörin auf den Leib rückt, wie ungeniert sie meine Defizite anspricht – „Sie sollten sich mal die Augenbrauen ausdünnen lassen!“. Für sie ist das allerdings tägliche Routine. Für mich ist das mein privater Bereich, meine Distanzzone, die die Frau mit der Schere doch bitte nicht einfach überschreiten darf – in einem Raum, in dem auch noch andere zuhören! Wie unangenehm begutachtet muss sich dann erst jemand fühlen, dem ja noch ganz andere Fragen gestellt werden. Und nicht nur das. Als Felix K. sagte „Mit dem Küchenkram komm’ ich ganz gut alleine klar“, habe ich ihm nicht geglaubt und ihn gebeten, mir seine Küche zu zeigen. Nein, eigentlich habe ich ihn nicht gebeten, auch wenn ich „Dürfte ich denn mal einen Blick in Ihre Küche werfen?“ gesagt habe. Ich habe ihn genötigt, ich stand ja ohne seine Antwort schon an der Tür.

Für diesen Erkenntnisgewinn bekommt die Frisörin fünf Euro Trinkgeld.
FrauEff_ende