12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEff

Frau M. hat, wie viele meiner Klienten, einen großen Hang zur Kleintierhaltung. Neben einem Hund und etlichen Vögeln beherbergt sie in einem 7-Quadratmeter Wohnzimmer nicht nur Sitzmöbel für ca. 20 Personen sondern auch vier Kaninchen. Zwei weibliche Tier in einem riesigen Käfig, zwei männliche in einem anderen. Obwohl sie schwört, die Tier nie zusammenzulassen („Ich schwöre bei Gott, Frau Eff!“), sind die Weibchen immer wieder trächtig. Frau M. trägt die daumengroßen, nackten Tiere nach der Niederkunft auf dem Arm herum und himmelt sie als ihre „Babys“ an. Das ist nicht schön, zumindest für die Kaninchen, die oft die ersten Tage nicht überleben. Schlimmer sind allerdings die männlichen Tiere, die natürlich auch nicht kastriert sind, dafür aber machomäßig die Umgebung mit ihrem Urin markieren. Erstaunlich geschickt stellen sie sich etwas schräg in den Käfig und pissen an die nahe liegende Wand. Dort ist alles gelb und stinkt.

Nun bin ich ja zum Glück keine gesetzlich bestellte Kaninchenbetreuerin und hatte beschlossen, die Tiere zu ignorieren. Bis der Vermieter anlässlich eines Wasserschadens von Frau M. in die Wohnung gelassen wurde und die gelbe Wand sah. Mahnschreiben „Wenn die Tiere nicht bis zum … dann fristlose Kündigung“. Mühsam versuche ich Frau M. davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Kaninchen möglich ist. Sie glaubt mir, denke ich. Vier Tage später bekomme ich einen Brief von einem Anwalt, den Frau M. engagiert hat (über Beratungshilfe!). „Wie können Sie nur der armen Frau M. ihre kleinen süßen Kaninchen wegnehmen, wo sie doch sonst nichts im Leben hat, blah, blah, blah“, schreibt der Advokat. Ich rufe ihn an und schildere die Situation. Sofort ist er auf meiner Seite, aber das Problem ist damit ja noch nicht gelöst. Wo sollen die Tiere hin? Das örtliche Tierheim will sie nicht, weil die vier nicht kastriert sind und es kein Notfall ist. Meine Freunde mit kleinen Kindern habe die Kaninchenphase alle schon hinter sich. Ein Kollege, der Schlangen züchtet, verfüttert nur Mäuse. Ich selbst bin Vegetarierin. Was soll ich tun?

Ich telefoniere also weiter entfernte Tierheim durch und werde tatsächlich fündig. Ich kann die vier Mümmelmänner am nächsten Tag bringen. Unter Tränen und Jammern („Meine Babys, meine Babys“), aber ansatzweise einsichtig hilft mir Frau M. die Käfige in mein Auto zu verladen. Die Tiere habe ich in zwei Plastikkisten verfrachtet, die ich mit einem Küchenhandtuch und viel Klebeband verschlossen habe. Während der Fahrt starten die Weibchen einen Befreiungsversuch. Ich sehe ein Ohr. An einer Ampel wickele ich noch mal sechs Meter Klebeband um die Öffnung und das Handtuch. Wir kommen alle fünf heil im Tierheim an, aber: Es ist niemand dort. Das Heim liegt einsam am Wandrand, kein Mensch zu sehen, auch kein Auto. Ich klingele an zwei Türen, klopfe, und bin plötzlich von einem Rudel Hunde und zwei Hängebauchschweinen umzingelt. Weiterhin kein Mensch zu sehen. Als ich die Kaninchen gerade ausladen und einfach wegfahren will, kommt ein alter Mann um die Ecke. Mürrisch nimmt er die Tiere an und ich fahre erleichtert nach Hause.

Noch Wochen später ist mein Auto voller Kleintierstreu. Und ja, Sie haben Recht, ich hätte das alles nicht tun müssen. Ich bin kein Tiertaxi. Alle haben immer Recht. Und das wahre Leben sucht sich die Lücken.
FrauEff_ende