12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin … hat einen schlechten Tag

Die gehörlose Frau E. muss umziehen. Ihr Mann hat sie verlassen, die Wohnung ist nun laut Jobcenter zu groß. Und Frau E. ist zu klein, jedenfalls um den Umzug alleine zu machen. Also muss ich neben der schwierigen Jonglage des Kündigungs- und Anmietungstermins für die alte und neue Wohnung beim Jobcenter einen Antrag auf Übernahme der Kosten für ein Umzugsunternehmen stellen. Dafür muss ich eine ärztliche Bescheinigung einreichen, dass Frau E. den Umzug alleine nicht schafft und auch keine Freunde hat, die ihr helfen könnten. Der Arzt will die Bescheinigung nicht ausstellen, ohne Frau E. gesehen zu haben.

Frau E. will aber nicht zum Arzt. Der neue Vermieter drängelt, wann ich denn endlich käme, um den Mietvertrag zu unterschreiben. Er könne die Wohnung auch an jemand anderen vergeben. Nein, nein, rufe ich schnell, bloß nicht. Ich kann den Mietvertrag aber nicht unterschreiben, wenn ich noch keine schriftliche Zusage vom Jobcenter habe, dass die Miete diesmal angemessen ist. Wenn der Mietvertragsunterschriftstermin vor dem Datum des Jobcenterbriefes liegt, bin ich verloren, dann zahlt das Jobcenter keinen Cent. Also Drängeln beim Jobcenter, was nur schriftlich geht, da es keine Durchwahl zum Sachbearbeiter gibt.

Zeitgleich mit der Zustimmung zur Wohnungsanmietung nennt das Jobcenter mir schon mal die pauschalen Summen, die sie für ein Umzugunternehmen bezahlt, falls ich die ärztliche Bescheinigung vorlege. Es sind etwas über 600 Euro. Nach acht Tagen, sechzehn Telefonaten und drei Besichtigungen durch Umzugsfirmen vor Ort bei der Betreuten haben ich noch keinen gefunden, der für dieses Taschengeld den Hausrat einer fast 20-jährigen Ehe aus der Dachgeschosswohnung A in die 30 Kilometer entfernte Wohnung B bringt.

Der neue Vermieter will plötzlich die Kaution in bar haben, was natürlich nicht geht. Er ist genervt und beschimpft mich. Der Arzt ist nach Betteln und Bitten nun bereit, die Bescheinigung fürs Jobcenter ohne erneute Untersuchung der Betreuten auszustellen. Der alte Vermieter ruft mich an und weist mich darauf hin, dass nicht nur die Wohnung geräumt werden müsse, sondern auch ein großes Gartengrundstück inklusive Gartenhaus (abreißen und entsorgen) und verrottete Gartenmöbel.

Angesichts der Tatsache, die mit vielen Erinnerungen verbundene Wohnung verlassen zu müssen, weint die Betreute immerzu. Um nur nichts zu versäumen, habe ich direkt nach der Zusage für die neue Wohnung bei Gericht die Genehmigung zur Wohnungskündigung beantragt. Die Rechtspflegerin ruft mich an und bittet darum, ihr die Betreute bitte am nächsten Tag an ihren Schreibtisch zu liefern, inklusive Gebährdendolmetscher, um sie zur Frage der Wohnungskündigung persönlich anhören zu können. Die Betreute, per Fax darüber informiert, teilt mir per Fax mit, dass sie nicht verstehe, warum sie zu Gericht solle. Ich kann es ihr auch nicht erklären, da sie ja gar keine Wahl hat. Das Jobcenter zahlt ihr keine Miete mehr für die alte Wohnung, sie muss umziehen. Ich erkläre dies der Rechtspflegerin und biete an, eine schriftliche Einverständniserklärung der Betreuten zu besorgen. Geht nicht. Ich erkläre, was passiert, wenn die Betreute ihre Einwilligung zum Umzug nicht vor Gericht erteilt: Ich kann die alte Wohnung nicht kündigen, dort fallen weitere Mietkosten an, ich kann die neue Wohnung nicht beziehen, auch dort fallen Kosten an, das Jobcenter zahlt nur noch für die neue Wohnung, die Betreute wird Schulden haben, alles wird furchtbar, und genau davor soll ich die Frau doch beschützen. Wie kann denn das Gericht sehenden Auges eine betreute Person in die Verschuldung treiben, nur weil es der Frau vorgaukelt, sie habe die Wahl, sich auch gegen die Kündigung der alten Wohnung auszusprechen? Das ist doch absurd. Nachdem ich dies alles wortreich mit der Rechtspflegerin erörtert habe, klingelt wieder das Telefon, es ist der alte Vermieter. Er habe sich mal den Keller angeschaut und festgestellt, dass dort drei große Räume mit Sperrmüll der Eheleute E. voll gestellt sein. Die müssten am Umzugstag auch leer geräumt werden.

Dann bleibe ich mit dem Pulloverärmel an meinem Locher hängen und ziehe dadurch sehr ungeschickt stapelweise Papier und die Schere vom Schreibtisch. Die Schere trifft mich am Fuß, ein winziges Loch und ein bisschen Blut. In diesem kleinen Schmerz trifft sich plötzlich meine ganze Wut, mein Unwillen, sich mit einem solchen Scheiß’ zu befassen, diese dummen, realitätsfernen Ansprüche von anderen demütig abarbeiten zu müssen, und alles immer ich, mir ist das zu viel, ich will das nicht mehr, ich will meine Ruhe habe. Ich heule und fluche in tiefer Verzweiflung.
Solche Tage gibt es.