12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… ist ratlos

Vor zwei Jahren habe ich die Betreuung von Frau K. von einer Kollegin übernommen, weil Frau K. damit gedroht hatte, deren Tochter umzubringen. Seitdem habe ich in der Sache jede Woche mindestens einmal mit der Polizei, der psychiatrischen Klinik, aufgebrachten Nachbarn und Geschädigten zu tun. Ich bin mit meinen Ideen am Ende. Alles ausprobiert, alles gescheitert.

Frau K., Jahrgang 1964, ist leicht geistig behindert und seit ihrer Kindheit psychiatrisch auffällig. Sie hat bereits in sehr vielen offenen und geschlossenen Einrichtungen gelebt, trauriger Höhepunkt war eine fast einjährige Dauerfixierung in einer Spezialgruppe für verhaltensauffällige Menschen mit Doppeldiagnose.

Frau K. geht es nie gut, sie ist ständig angespannt, unglücklich bis zur völligen Verzweiflung, unruhig, fordernd, laut, insistent. Eine klare psychiatrische Diagnose gibt es nicht, jeder Gutachter schreibt etwas anderes, Medikamente haben nur einen Effekt, wenn sie stark dämpfen, aber das will Frau K. nicht. Es ist ihr unmöglich, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Jede Form von Sozialkontakten wird von ihren offensichtlichen Qualen überflutet. Keiner mag Frau K., alle wollen sie so schnell wie möglich loswerden.

Was die Arbeit mit Frau K. allerdings oft an den Rand des Zumutbaren führt, ist ihre unberechenbare Aggressivität. Bekommt sie nicht das, was sie will (Besuch der Eltern, eine Katze, ein Sprung vom 10-Meter-Brett), zerstört sie alles, was ihr in die Finger kommt: Sie wirft Blumentöpfe durch Fensterscheiben, tritt im Bahnhof Skulpturen um, läuft ins Krankenhaus und zieht den Patienten die Infusionen heraus, wirft Motorräder um etc. Eine Gefahr für Menschen ist Frau K. nur, wenn sie die Personen kennt oder wenn sie gezwungen wird, mit diesen Menschen zusammenzuleben: Sie reißt der Ärztin Haare aus, tritt die Mitarbeiter des Betreuten Wohnens, schlägt Mitbewohner im Heim und attackiert Patienten in der psychiatrischen Klinik. Erst gestern erreichte mich die E-Mail der psychiatrischen Akutstation, auf der sich Frau K. mal wieder befindet. Der Arzt schreibt:
Ich möchte Sie darüber informieren, dass Fr. K. seit dem gestrigen Nachmittag auf eigenen Wunsch bis heute morgen gegen 7 Uhr am Bett fixiert war. Um 9 Uhr hat sie dann einen Patienten in der Vollfixierung mitsamt seinem Bett umgeworfen und musste daraufhin erneut fixiert werden, diesmal jedoch nicht freiwillig. Auch dieser Übergriff erfolgte völlig unerwartet, spontan und ohne erkennbaren Auslöser oder Grund.“

Interessanterweise hat bisher kaum jemand Strafanzeige gegen Frau K. gestellt. Und wenn, dann hat die Staatsanwaltschaft die Verfahren bisher immer eingestellt.
Eine Selbstgefährdung sehe ich nicht. Frau K. ist orientiert, weiß, wo sie etwas zum Essen bekommt, kann lesen und schreiben, benutzt öffentliche Verkehrsmittel sowie ihr Mobiltelefon, holt sich Hilfe, wenn sie welche braucht etc.

Seit einiger Zeit lebt Frau K. in einer abgelegenen eigenen Wohnung, erhält 18 Fachleistungsstunden Betreutes Wohnen pro Woche (!) und kann im Rahmen der Krisenintervention auf freiwilliger Basis in einer geschlossenen Intensivgruppe aufgenommen zu werden. Dies halten alle Beteiligten für die beste aller schlechten Möglichkeiten. Monatelange Klinikaufenthalte, auch längere Zeiten in Heimeinrichtungen waren nie positiv. Immer musste man dort die Anderen vor Frau K. schützen. Daher hat man ihr nun quasi ein Einzelheim gebastelt, in dem sie keine Nachbarn hat und viel draußen in der Natur sein kann. Aber eine Lösung ist das auch nicht.

Ist Frau K. mal wieder in der psychiatrischen Klinik, ist sie so unglücklich, angespannt und aggressiv, dass sie meist fixiert werden muss. Sie greift andere Patienten an und will weg. Eine Behandlung findet kaum statt, da Frau K. null Kooperation zeigt. Ist sie „draußen“, geht es ihr nicht besser. Sie frisst sich dann gedanklich so lange in ihre eigene Hölle hinein, bis sie nicht mehr kann und als nervliches Wrack um Aufnahme in der Klinik bittet. Nimmt man sie dort nicht sofort auf, dreht sie noch eine Runde durch ALDI, wirft dort die Kartons durch den Laden, schlägt die Kunden und wird dann von der Polizei in die Klinik gebracht.

Gestern habe ich einen Brief von Frau K. bekommen, in dem sie androht, mich und andere Leute umzubringen. Sie halte ihr Leben nicht mehr aus, es sei alles so furchtbar.
Die um Rat gefragte Polizei fand das Schreiben nicht weiter bemerkenswert. Ich solle mich melden, wenn tatsächlich etwas passiert sei.