18 Dezember 2018

Fotolia_FrauEff_8857232_XSFrau Eff, Berufsbetreuerin… liest ein Fachbuch

Manchmal hat man im Betreuungsbüro nicht nur Klienten am Telefon, die einem die verworrensten Geschichten erzählen und ihr Herz ausschütten müssen. Es gibt Tage, da braucht auch mal der eine oder andere Kollege ein offenes Ohr und etwas Mitleid. Nicht immer ist es dann einfach, a) zu verstehen, was der Kollege beklagt und b) einen Ratschlag zu geben.
Oft ist die Ursache für die kollegiale Verärgerung und Überforderung am anderen Ende der Leitung ein komplizierter Fall, dessen Feinheiten und Zwickmühlen von den zuständigen Behörden ignoriert werden. Um hier gemeinsam weiter denken zu können, muss auch Frau Eff die Sache erst einmal verstehen und bitte dann darum: Erklär mir das, als sei ich fünf Jahre alt. Das hilft echt und ehrlich weiter – ich schwöre. Dasselbe Prinzip wende ich gerne auch bei Jobcentern, Krankenkassen und anderen Verstandsverweigerern an. Ich begreife ja vieles wirklich nicht. Wenn man dann den Sachverhalt sehr kleinschrittig, bewusst naiv und anschaulich wie in einem wenn-dann-Flussdiagramm darlegt, kommt man einem Ergebnis oftmals schnell näher.

Nun ist Frau Eff auch immer auf der Suche nach nützlicher Fachliteratur, die bei verwickelten Fragestellungen Orientierung und praktische Hilfe bieten. Schnell war so das „Fallbuch Sozialrecht“ (2012, Verlag C.H.Beck, 24,90 €) besorgt, in dem die Autoren Anne Körner und Stephan Rittweger „Checklisten, Musterschriftsätze, Verfahrenshilfen“ bieten wollen. Fast wäre ich nicht über das Vorwort hinausgekommen, da die nachfolgenden 194 Seiten sich ausdrücklich an Jura-Studenten und Rechtsanwälte richten. Manno, wieder nur so’n Juristenmist, den ich nicht verstehe, wollte ich schon enttäuscht sagen und das Buch weglegen. Zum Glück habe ich aber weitergeblättert und gesehen, dass die Autoren im Kampf gegen Jobcenter, Krankenkassen und Rentenversicherung genau auf meine Strategie setzen: Alles wird sehr genau und Schritt für Schritt erklärt. In dem Buch sind 18 Fallbeispiele zu finden, die zum größten Teil auch im betreuungsrechtlichen Alltag auftauchen: Sperrzeiten beim Arbeitslosengeld wegen Arbeitsaufgabe, kein Insolvenzgeld wegen verspäteter Meldung, das leidige Thema Bedarfsgemeinschaften oder Probleme mit dem Krankengeld. Natürlich sind die Argumentationsketten und die inhaltlichen Aspekte der vorgeschlagenen Widersprüche interessant und lehrreich. Was mich aber am meisten begeistert, ist die klare Struktur des Buches, die anschaulich darstellt, wie man aus einem gedanklichen Durcheinander in einer scheinbar ausweglosen Situation eine schöne Waffe gegen behördliche Ignoranz schmiedet. Dies finde ich gerade für rechtliche Betreuer ohne juristische Ausbildung wichtig, da wir lernen können, unsere Empörung zurück zu nehmen und uns etwas mehr Mühe mit der Darstellung des Problems und unserer Position zu geben.

Das Buch von Körner und Rittweger ist so aufgeteilt, dass jeweils der Fall geschildert wird, inklusive einer Zeittafel, und dann noch einmal ein Problemaufriss folgt („Darum geht’s“). Daran schließt sich eine fallbezogene Checkliste an, die sowohl den Sachverhalt als auch die rechtliche Begründung gliedert. Dann kommt der „fertige Kuchen“, nämlich der Musterschriftsatz, schön mit Absätzen, Einrückungen, Aufzählungen, Belegen und „Unterschrift Rechtsanwältin“. Um auch über den Beispielfall hinaus ein paar Hinweise zu geben, schließt sich jeweils ein Absatz mit der Überschrift „Noch gut zu wissen“ an, in dem kurz auf verwandte Themen und verbreitete Irrtümer eingegangen wird.

Das Buch „Fallbuch Sozialrecht“ ist m.E. auch deshalb ein Lehrbuch für Betreuer, weil es zeigt, wie man dem Gegner ganz unaufgeregt mit guten Argumenten goldene Brücken baut. Oder wie Max Frisch gesagt hat: Man soll dem anderen die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren hauen, sondern wie einen Mantel hinhalten, in den er hineinschlüpfen kann.

Ganz am Rande hält das Buch für Nicht-Juristen auch noch ein paar ulkige Formulierungen bereit, die mich immer wieder zum Lachen gebracht haben. Zum Beispiel „dem Kläger stand ein sperrzeithindernder wichtiger Grund zur Seite“ oder „unter Beiordnung des Unterfertigten bewilligt“. Beeindruckend.