18 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und das Glück

Ein langer Arbeitstag mit vielen Hausbesuchen, zwei Gesprächen in der psychiatrischen Klinik, ein Krankenhausbesuch. Unterwegs in den heruntergekommenen Wohnsiedlungen der Stadt, da, wo freiwillig keiner hinzieht. Verdreckte Fassaden, eingetretene Haustüren, das Plastik der Klingelknöpfe mit dem Feuerzeug angekokelt, die Fahrstühle defekt. Vor den Hauseingängen Stapel mit Sperrmüll, auf den Straßen kaum Autos – wenn, dann ist es das Fahrzeug eines Pflegedienstes.

Der letzte Termin dann bei Herrn B. „Gestern“ erzählt mir Herr B „hat sich jemand bei mir bedankt. Das hat sich schön angehört“. Er berichtet, wie er beim Spaziergang einem Jogger den engen Waldweg freigemacht hat, damit dieser ungehindert weiterlaufen konnte. Im Vorbeilaufen habe der Sportler „Danke!“ gerufen. „Gern geschehen“, habe er geantwortet, sagt Herr B. Das sei nach fünf Tagen das erste Mal gewesen, dass er mit einem Menschen gesprochen habe.

Als ich Zuhause ankomme und meine Einkäufe auspacke, frische Blumen, Fleisch vom Biometzger, Wein, und mich mein Liebster mit einem Kuss begrüßt, muss ich wieder an Herrn B. denken. Er sieht zwangsläufig viel von meinem Leben: Er weiß, dass ich ein neues Auto gekauft habe, dass ich mehrmals im Jahr in Urlaub fahre, dass ich glücklich verheiratet bin, in einer großen Wohnung wohne, mehr Geld habe, als ich tatsächlich brauche. Und er ahnt sicher, dass ein Netzwerk von Freunden, Verwandten und Bekannten mich trägt, dass ich nicht alleine sein muss, wenn ich nicht will. Ich habe in meinem Leben das Brot vieler Urlaubsländer geschmeckt, ich durfte lernen und studieren. Ich darf jede Woche erleben, wie herzerfrischend es ist, in einem Chor zu singen. Ich mag meinen Körper, ich bin gesund. Ich habe Freude am Lesen, am Denken und am Zeichnen. Und so viel mehr. Mein ganzes verdammtes Leben ist ein einziges Glück. Und mir ist sogar der unfassbare Luxus in die Wiege gelegt worden, dies mit B. Brecht reflektieren zu können, der sagt „Nichts / Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen./ Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)“.

Wie schwer muss es für Herrn B. sein, mir neidlos zu begegnen. Sich von mir sein Geld in wöchentlichen Raten auszahlen zu lassen. Zu ahnen, dass ich zu den Leuten gehöre, die 78 Euro für eine Bob-Dylan Konzertkarte ausgeben. Wie still sitzt Herr B. in seiner Einsamkeit. Und wie oft sagt er sich vielleicht, dass er es ja selbst Schuld ist, dass er keine Freunde hat. Niemand hilft ihm dabei, zu erkennen, dass Ausgegrenztheit und Hoffnungslosigkeit die sozialen Folgen seiner durch Armut bedingten Biografie ist. Darin sind auch wir als professionelle Helfer nicht geschult: Die Lebensbedingungen als Bedingung, als Begrenzung zu sehen. Wir wissen ja, wie es geht. Wir kennen die Auswege, die Angebote, die niedrigschwelligen Teestuben, die freundlichen Teams des Betreuten Wohnens, die Nachbarschaftshelfer. Aber Herr B. will nicht, ist stur, brummig, sagt „Ich weiß nicht“ und „Mal gucken, vielleicht demnächst“. Das macht mich ganz ungeduldig. Nein, undankbar ist das nicht, aber irgendwie… hinderlich. Ich komme in der Sache Herr B. nicht weiter. Ich habe keine Lust, mir seine Einsamkeit jede Woche anzusehen. Warum probiert er meine Vorschläge nicht mal aus? Warum vertraut er mir nicht? Ja, warum wohl.
56 Jahre lang hat Herr B. am eigenen Leib erfahren, dass er nichts geschenkt bekommt, dass Vertrauen enttäuscht wird, dass Enttäuschung bitter schmeckt, dass Stillhalten eine gute Strategie ist. Und die Neue, diese sogenannte Betreuerin, wird er auch noch überstehen. Es sind immer alle weitergegangen. Er ist immer dageblieben. Hier ist sein Platz, am Fenster, hinter der Gardine. Oder am Wegesrand, wenn er den Schnelleren Platz macht.