9 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und das herausfordernde Verhalten

Schwierige Klienten werden heutzutage nicht mehr einfach „schwierige Klienten“ genannt, oder gar „Nervensägen“, sondern „Menschen mit herausforderndem Verhalten“. Einem so Betitelten kam dieser Begriff kürzlich zu Ohren. Er war außer sich vor Empörung. Jahrelang habe er jetzt schon mit Ärzten und Pflegern und Sozialarbeitern und Vermietern und Betreuern und mit der Polizei und den scheiß Nachbarn zu tun, und alle diese Idioten seinen ihm gegenüber „Menschen mit herausforderndem Verhalten“. Ständig würde man ihn provozieren, in die Ecke argumentieren, vor Alternativen stellen, die gar keine sind und auch körperlich herausfordern. Und jetzt müsse er sich anhören, dass ER derjenige sei, der sich herausfordernd verhalte.

Frau Eff muss zugeben, dass der Mann so unrecht nicht hat. Wenn ich nur mal für mich spreche, muss ich zugeben, dass herausforderndes Verhalten zu meinem täglichen Werkzeug gehört. Gerade heute erst habe ich zu Herrn M. gesagt: „Möchten sie sich vielleicht doch mal auf ein Praktikum einlassen oder wollen sie mit ihren 28 Jahren erwerbsgeminderter Rentner sein, bis sie irgendwann sterben?“. Keine halbe Stunde später habe ich zu Frau K. gesagt, dass sie erst dann ihr Wirtschaftsgeld bekomme, wenn sie in meiner Anwesenheit bei der Institutsambulanz anrufe. Herr M. war empört, dass ich ihn als Rentner bezeichnet hatte, konnte dem aber nichts entgegensetzen. Frau K. war erleichtert und froh, selbstständig einen Kliniktermin vereinbart zu haben. Heiligt der Zweck das Mittel?

Ich kann das gar nicht so einfach beantworten, mir wird aber klar, dass wir Helfer uns unserer Macht oft gar nicht bewusst sind. Die Klienten mit herausforderndem Verhalten werden deshalb so genannt, weil sie neben ihren Defiziten und Behinderungen auch Macht ausüben. Macht in Form von körperlicher Gewalt, von Aggression und unsinnigem Verhalten. Sie machen es uns nicht leicht, sie provozieren, sie greifen an. Genau so erscheinen wir allerdings etlichen unserer Klienten auch: Unsere Gewalt ist selten körperlich, dafür umso häufiger strukturell. Unser Verhalten wirkt unsinnig und provokativ. Marie-Luise Conen schreibt in ihrem lesenswerten Buch „Ungehorsam – eine Überlebensstategie“: „Als professionelle Helfer üben sie häufig selbst Macht aus, indem sie für Klienten die Zugänge zu Ressourcen öffnen (oder verschließen) oder gar Sanktionen ausüben. Sie üben Macht aus, indem sie Probleme definieren.“

Bei dieser Problemdefinition sehe ich als Betreuerin meistens ein Ziel. Nichts Unerreichbares, sondern kleine, erprobte, sinnvolle, erreichbare, erfolgversprechende Ziele. Ich denke, dass meine Ziele die Ziele der Klientin werden sollten, weil ich ihr nichts Unzumutbares vorsetze. Die Klientin will aber nicht. Statt in Zentimeterschrittchen einen Fuß vor den anderen zu setzen und mir zu vertrauen, bleibt sie stur auf der Stelle hocken. Die oben zitierte Frau Conen schreibt dazu: „Hoffnungslosigkeit hindert jedoch viele Menschen daran, für sie hilfreiche Veränderungen anzugehen. Ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht es allerdings wenig Sinn, sich anzustrengen und die Unwägbarkeiten und Anstrengungen von Veränderungen auf sich zu nehmen. Aufgabe professioneller Helfer ist es, mit den Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, was sie am Leben hält“.
Nun, das finde ich interessant. Wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass zum Beispiel die Krankheit selbst der einzige Lebensinhalt von Frau O. ist, dann werde ich auch schnell verstehen, warum sie nicht gesund werden möchte. Ohne Krankheit ist Frau O.s Leben ein leeres, ereignisloses, furchteinflößendes Loch. Erst wenn sie Halt an etwas anderem findet, wenn sie für sich eine kleine Hoffnung außerhalb der Krankheit erkennt, wird sie mir folgen können. Diese Hoffnung muss übrigens keine therapeutische sein. Eine junge Katze, der wiederhergestellt Kontakt zur Tochter, ein Elektrorollstuhl, der Hilfsjob in der Heimküche helfen weiter. Klassische Eingliederungshilfe eben.