12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und der Hamsterhimmel

„Frau Eff, ich brauch’ zehn Euro. Kannste auf Sparbuch machen?“ fragt die Betreute Silvia U. grußlos morgens um acht Uhr am Telefon. Im Hintergrund laute Geräusche von Straßenverkehr und Kindern, ich vermute, Frau U. ist im Bus unterwegs in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
„Guten Morgen Frau U. Zehn Euro sind viel Geld. Wofür brauchen Sie die?“
„Für Sarg, für Boris.“
„Wer ist Boris?“
„Mein Hamster, kennstu doch, der ist gestern Abend ausgestorben, glaub’ ich“.
„Wie, glauben Sie?“
„Der macht nichts mehr und der stinkt voll krass.“

„Dann ist der wahrscheinlich schon länger tot…“
„Ich hab aber nichts gemacht, immer gefüttert und so Salat gegeben.“
„Glaub ich Ihnen, Hamster leben ja auch nicht so lange. Aber die müssen auch nicht im Sarg beerdigt werden.“
„Doch, ich will das aber. Dass Gott den auch annimmt und so.“
„Kommen Hamster in den Himmel?“
„Ja klar, wohin denn sonst?“

Ich erkläre daraufhin die kostengünstige Anfertigung eines Hamstersarges im Do-it-youself-Verfahren und gebe Tipps für die Beerdigung. Zudem kündige ich meinen Besuch an, um den leeren Hamsterkäfig abzuholen und zu entsorgen. Damit will ich einem Hamsterneukauf zuvorkommen. Frau U. ist gerade sehr einsichtig, dass ein Leben ohne Haustier einfacher und auch preiswerter sein wird und verspricht, den Käfig vor meinem Besuch zu reinigen. Als ich wenige Tage später zu ihr komme, steht das stinkende Drahtgestell bereits im Hausflur und ich seufze erleichtert auf. Um dann gleich darauf fast in Ohnmacht zu fallen, als mir Frau U. überglücklich und vor Stolz quiekend eine sehr junge, sehr süße Katze vor die Nase hält. Ich selbst bin eine große Freundin aller Tiere. Junge Katzen erweichen mein Herz in zwei Sekunden. In diesem Fall dauert es nur eine: Das junge Tier hat verklebte Augen und offensichtlich Durchfall. Es mautzt und schreit, ein Bild des Jammers. Frau U. hat es geschenkt bekommen, und nein, abgeben will sie das kleine Fellbündel natürlich auf keinen Fall. Geld für den Tierarzt hat sie auch nicht. Die behinderte Frau würde noch nicht einmal den Weg bis zur Tierarztpraxis alleine finden.

Situationen wie diese habe ich andauernd. Rechtlich betreute Menschen und schlecht versorgte, kranke Haustiere sind irgendwie eine untrennbare Mischung. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn das Justizministerium ein Einsehen hätte und – vielleicht in Kooperation mit den Tierschutzorganisationen – ein Haustierbetreuungsgesetz (HTBetrG) entwerfen würde. Ich könnte eine rechtliche Betreuung für betroffene Katzen, Hunde, Pythonschlagen und Hamster anregen. Ein gerichtlich bestellter Haustierbetreuer würde dann die Gesundheitssorge und Aufenthaltsbestimmung (inklusive Unterbringungsangelegenheiten im Tierheim) übernehmen. Sehr häufig wäre auch ein zusätzlicher Sterilisationsbetreuer von Nöten. Was wäre das für eine Erleichterung: Nicht mehr selbst ein Heim für den 14-jährigen Schäferhund finden müssen, sondern einfach den Kollegen Tierbetreuer anrufen und alles regelt sich wie von selbst.

Interessanterweise haben die auf der anderen Seite, Tierheime und Tierärzte, ähnliche Schwierigkeiten wie ich. Sie können sich nicht nur um ihre eigentliche Klientel, die Tiere, kümmern, weil immer wieder verzweifelte, kranke und arme Menschen quasi an den Tierproblemen hängen. Erst letztens hat mir ein Tierarzt von den Dramen erzählt, die sich bei ihm in der Praxis abspielen. Hinter den eingewachsenen Krallen der alten Katze steht zum Beispiel das verwahrloste „Frauchen“, das sich und die Mieze mit letzter Kraft ins Wartezimmer schleppt. Der Tierarzt ahnt, dass sie selbst wahrscheinlich mehr Hilfe braucht als ihre Katze. Aber er kann ja auch nicht die ganze Welt retten.
Für die schlimmsten Fälle habe ich ihm ein paar Broschüren der städtischen Betreuungsstelle dagelassen. Damit er wenigstens den Weg weisen kann.