12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreueron… und die Ärzte

„Frau Eff, mir ist schleeeeeecht, ich muss immer brechen“, informiert mich die junge Klientin A. am Telefon. Ich alarmiere die Mitarbeiterin des Betreuten Wohnens, die aber leider nicht im Dienst ist. Vertretung ist auch gerade keine da. Also rate ich A. telefonisch zu Fencheltee und Abwarten. Die geistig behinderte Frau stöhnt und röchelt hörbar gequält, und sagt, dass sie schon fünfmal gekotzt habe, zuletzt nur noch Schaum. Hört sich nicht gut an, denke ich und fahre mit dem Auto zu ihr.
In der Wohnung angekommen, hockt sie wie ein Häufchen Elend am Boden und hält sich den Bauch.
„Was hast Du denn heute gegessen?“, will ich wissen.
„Nur Fruchtzwerge und Plätzchen“, sagt A. „Und die Tablette habe ich geschluckt. Die war voll dick, ich habs aber geschafft.“
„Was denn für ne Tablette?“
„Man, die vom Frauenarzt, weißt Du doch, die da.“ Sie zeigt auf eine offene Medikamentenpackung auf dem Tisch.

Mißtrauig nehme ich die Packung in die Hand und erkenne ein Mittel gegen Pilzinfektion in der Scheide. Unübersehbar steht auf der Packung „Vaginaltablette zum Einführen“. Nur dumm, dass A. nicht lesen kann. A. denkt, alle Tabletten müssen geschluckt werden, also runter damit. Ich könnte dem Arzt und der Apothekerin den Beipackzettel mit wachsender Begeisterung um die Ohren hauen. Wenn ich eine Schachtel Aspirin kaufe, wird mir pflichtbewusst erklärt, wie dieses hochpotente Medikament eingenommen werden muss. Aber der Herr Gynäkologe kann einer Analphabetin (er weiß das!) nicht erklären, wie sie das verschriebene Mittel anwenden soll. Grrrrr….!

Leider mache ich diese Erfahrung oft, dass Ärzte mit Patienten, die von der Norm abweichen, nicht umgehen können.
Das örtliche Krankenhaus schlägt Großalarm, wenn ein Patient aus dem Heim für geistig Behinderte eingeliefert wird. Da verlangt der Oberarzt allen Ernstes, dass Tag und Nacht ein Mitarbeiter der Einrichtung am Krankenbett zu sitzen habe, weil man für die Versorgung von „Schwachsinnigen“ kein geeignetes Personal habe.
Eine gehörlose Klientin kann zu jedem Arzt gehen und eine (völlig erfundene) Krankheit auf einen Zettel kritzeln – sie wird widerspruchslos für zwei oder vier oder zehn Wochen krankgeschrieben und bekommt viele bunte Medikamente.
Eine andere Klientin muss Betablocker nehmen und glaubt, dies sei eine Bedarfsmedikation: Wenn sie viel Stress hat, nimmt sie viele Betablocker, wenn es sein muss, die Wochenration an einem Tag.
Frau O. ist schwanger und hat keine Ahnung, wie das passieren konnte. Sie war im Glauben, die Dreimonatsspritze wirke noch. Dabei hatte ihr die Frauenärztin erklärt, dass sie die nächste Spritze erst in zwei Wochen nach ihrer Periode bekommen könne. Bis dahin müsse sie geschützten Verkehr haben. Ich frage Frau O., ob sie wisse was „geschützter Verkehr“ bedeutet. „Nee, keine Ahnung, ich hab keinen Führerschein“, sagt sie. Das ist in dem Moment nur sehr bedingt lustig. So lustig, wie ein Schwangerschaftsabbruch eben sein kann.

Ich wünsche mir wirklich, dass der gesamte Gesundheitsbereich mal eine Schulung in Leichter Sprache macht. Wer nicht weiß, was das ist, kann es hier http://www.leichtesprache.org erfahren. Wahrscheinlich würden solche Schulungen nicht nur unseren Klienten zu Gute kommen, sondern vielen Bürgerinnen und Bürgern. Wie ja überhaupt der Gedanke der gesellschaftlichen Inklusion bei einer konsequenten Umsetzung mehr Gewinner haben würde, als es Behinderte gibt. Stellen Sie sich einfach mal vor, alle Ärzte, Computerfachleute, die Finanzämter, die Autoren von Gebrauchsanweisungen, die Callcentermitarbeiter von Mobilfunkunternehmen, alle würden versuchen, Fragen in leichter Sprache, verständlich und klar, zu beantworten. Ein Schritt in eine bessere Welt wäre das. Und nicht mehr und nicht weniger soll die UN-Konvention ja initiieren.