9 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin … und die Einzelgänger

Frau Eff war bei einer Fortbildung. Dort erklärte der Referent, dass es neben den klassischen ICD-Krankheiten unter den Oberbegriffen „Psychosen“ und „Persönlichkeitsstörungen“ zunehmend psychische Erkrankungen gäbe, die gar nicht in das ICD-System und dessen Klassifizierung passen würden. Eine Ärztin sagte überspitzt, man solle doch bitte Leuten, die vorhätten, psychisch krank zu werden, vorher die ICD-Liste aushändigen, damit die Kliniken nicht andauernd mit undefinierbaren Krankheitsbildern konfrontiert würden.

Dieselben Fachleute berichteten auch, dass man immer häufiger mit Patienten zu tun habe, die so massiv gestört seien, dass man ratlos vor diesem Problem stünde. Habe es früher in jeder Region den ein oder anderen Systemsprenger gegeben, der einfach als Sonderling toleriert worden sei, tauchten heute zunehmend mehr Patienten mit Doppeldiagnosen, extremen sozialen Auffälligkeiten, unerklärlichen Fremd- und Autoaggressionen auf.

Interessanterweise hat man festgestellt, dass bei Patienten mit unklaren psychischen Krankheitsbildern und „Menschen mit besonderen Herausforderungen“ (wie man im Zeitalter der Inklusion so nett sagt), eine Gemeinsamkeit besteht: Sie alle können kaum mit den klassischen Gruppenangeboten erreicht werden. Das macht die Profis hilflos, weil damit 90 Prozent ihrer „Werkzeuge“ wegfallen: Kein Zwang zum gemeinsamen Frühstück, kein Austausch in der Morgenrunde, keine tagesstrukturierenden Maßnahmen in der geselligen Begegnungsstätte, keine gemeinsamen Spaziergänge, keine Mehrbettzimmer in der Klinik, keine Malgruppe, keine Reha-Maßnahme in Kurhotel, kein Wohnheim, keine Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Und ich kann gar nicht laut genug sagen, wie gut ich das verstehen kann. Wenn ich mir vorstelle, ich würde dazu genötigt, mich mit einem Dutzend anderer Menschen an einen Tisch zu setzen und Mahlzeiten einzunehmen, um meinen Willen (Compliance!) zur Genesung zu zeigen – man würde mich wahrscheinlich nie mehr aus der Klapse entlassen. Oder diese Kindergartengruppen, in denen erwachsene Menschen mit Wasserfarben ihre Ängste zu Papier bringen sollen. Beschäftigungstherapie mit Peddigrohr (googlen Sie das, wenn Sie nicht wissen, was das ist). Schon bei dem Wort „Seidenmalgruppe“ kriege ich Psychodurchfall. Es kann ja meinetwegen gerne so sein, dass viele psychisch kranke Menschen mit Gruppenaktivitäten therapiert werden können. Ich. Aber. Nicht. Das weiß ich ganz sicher. Und ich weiß auch, dass einigen psychisch Kranken nur das innere Exil bleibt, um sich vor dem Geselligkeitswahn der Behandler zu retten. Jemand, der auch im gesunden Zustand nicht auf Partys geht, Weihnachtsmärkte meidet wie die Pest, nie in einer WG gewohnt hat und ein schweigend mit Büchern und Musik verbrachtes Wochenende für eine gelungene Sache hält, für den ist jedes niederschwellige Angebot mit Kaffee und Kuchen die Hölle.

Hier Alternativen zu finden, die auch für Einzelgänger, für sperrige Menschen, für unsoziale Querköpfe heilsam sein können, das ist eine interessante Herausforderung. Relativ einfach ist es, in Heimen und Kliniken die Möglichkeit zu bieten, Mahlzeiten im Zimmer einzunehmen und Gruppenveranstaltungen grundsätzlich auf freiwilliger Basis durchzuführen. Viel schwieriger ist es, einem aggressiven Straftäter auf Bewährung und seiner schwer psychotischen Frau innerhalb einer Heimeinrichtung ein abgeschlossenes Appartement zur Verfügung zu stellen. Aber auch das geht. Genauso, wie es mit etwas Glück und Ausdauer möglich ist, Wohnraum für Menschen zu finden, die keiner Nachbarschaft zumutbar sind. Mit etwas Kreativität und dem Mut, auf der Grenze der Legalität zu balancieren, kommt man hier schon sehr weit.

Man kann auch  jemandem, der im Leergutsammeln für sich eine Alternative zur Werkstatt für behinderte Menschen sieht, einen Raum als Zwischenlager für die Flaschen zur Verfügung stellen (und seinen Verdienst nicht beim Sozialhilfeträger verpetzen). Man kann es dulden, wenn jemand als „selbstständiger Alleingärtner mit eigenem Auftrag“ das Unkraut in öffentlichen Anlagen jätet. Man kann dies auch aktiv unterstützen, indem man ihm Gärtnerkleidung und eine kleine Entlohnung über die Arbeitstherapie der psychiatrischen Klinik zukommen lässt.
Man kann alle diese Ideen sogar noch viel, viel weiter spinnen, indem man die Freigabe von WfbM-Kosten als persönliches Budget für Arbeitsassistenz vorantreibt.

Und nicht zuletzt: Ganz oben auf der Wunschliste für die Einzelgänger stünde bei mir der niedergelassene Psychiater, der Hausbesuche macht. Denn auch volle Wartezimmer sind Gruppenveranstaltungen, denen sich einige Menschen nicht aussetzen wollen.