9 Dezember 2018

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin... und die Flüchtlinge

Ich möchte in Zukunft keine weiteren rechtlichen Betreuungen für Asylbewerber oder an Leib und Seele verletzte Menschen aus anderen Ländern übernehmen. Ich bin mit dieser Arbeit persönlich überfordert, zeitmäßig und emotional. Wenn das nächste Mal das Telefon klingelt und die Betreuungsstelle händeringend jemanden sucht, der oder die Englisch spricht, werde ich ablehne. Nicht aus Fremdenfeindlichkeit, sondern aus Selbstschutz.

Schon als 15-jährige habe ich mich bei Amnesty International engagiert, habe am Bahnhof gestrandete Flüchtlinge entgegen genommen und ihnen den Weg gewiesen, habe mit Tamilen und Kongolesen gefeiert und ihr Unverständnis angesichts des Kölner Karnevals geteilt. Eine solche enge Bindung an meine Klienten ist mir im Rahmen der rechtlichen Betreuung nicht möglich.

Eine professionelle Distanz ist notwendig und sinnvoll, und in anderen Fällen auch realisierbar. Bei einem verängstigten, verzweifelten, vom Heimweh zerfressenen Menschen ohne Familie und Freunde aber häufig nicht. Eine klare Abgrenzung der rechtlichen Vertretung von der sozialen Betreuung ist in diesen Fällen nicht möglich, weil zum Beispiel Flüchtlingen ambulante Hilfen wie Betreutes Wohnen der Eingliederungshilfe gar nicht zustehen. Zudem können die Menschen kaum Deutsch, kennen sich in der Stadt nicht aus und können sich kaum alleine orientieren. Jeder Fahrkartenautomat ist ein unlösbares Rätsel, jedes Formular im besten Fall etwas Wichtiges, was man nicht verlieren sollte - wenn man es denn überhaupt erhält: Der Briefkasten in der Asylbewerberunterkunft trägt keine Namen, Post kommt dort häufig nicht an.

Die rechtliche Betreuerin von psychisch kranken oder geistig behinderten Migranten muss in der Regel jeden Kontakt mit der Außenwelt dolmetschen, und zwar sprachlich und kulturell. Die Verständigung am Telefon ist wegen der Sprachprobleme schwierig, das Einhalten von Terminen aus anderen Gründen („You are two hours late“ „Why you angry, I’m here now“). Man kann sich kaum an einem neuen Ort treffen, weil die Orientierung per Stadtplan nicht klappt. Also holt man die Klienten im Asylbewerberheim ab und fährt sie zurück. Ambulant betreutes Wohnen bekommt man nicht bewilligt wegen fehlender Zuständigkeit. Es gibt zwar Sozialdienste, die mit ein paar Stunden pro Woche den Flüchtlingen zur Seite stehen sollen, aber auch die sind hoffnungslos überfordert. Ehrenamtliche Helfer wiederum halten Abstand von psychisch Kranken, die schwieriger sind, als zum Beispiel Kinder, die die Sprache schnell lernen.

Gibt es rechtliche Probleme, findet sich selten ein Rechtsanwalt und vor allem die notwendige Bezahlung. Nun ist aber gerade das Ausländerrecht eine sehr komplizierte Materie. Also muss die Betreuerin einen Anwalt um kostenfreie Hilfe anbetteln oder sich selbst rechtskundig machen. Andere Klienten haben neben professionellen ambulanten Hilfen meist auch ein paar Freunde und Verwandte, die tatkräftig einspringen können. Was aber mache ich mit der vorgestern anerkannten Asylbewerberin, die eine Dachgeschosswohnung renovieren und eine komplette Erstausstattung an Möbeln und Haushaltssachen einkaufen muss. Wie soll sie das machen? Alleine? Zu Fuß?

So kaltherzig kann überhaupt kein Betreuer sein, in den oben genannten Fällen die Klienten einfach ihrem Schicksal zu überlassen. In einer Mischung aus Mitleid, Solidarität und Wer-soll-es-sonst-tun bin ich als Betreuerin zusätzlich Dolmetscherin, Integrationshelfer, Fahrdienst und mehr. Wenn dann auch noch die mühsam erstrittenen Erfolge dazu kommen (Aufenthaltserlaubnis, eigene Wohnung, eigenes Konto), bricht die ungebremste Dankbarkeit über mich herein und ich bekomme eine Rolle im Leben der Betreuten, die ich gar nicht haben will. „You are like a mother to me!“ ruft Frau X. aus Nigeria gerührt und kauft mir ständig Blumen. Mir ist das zu viel, mir geht das zu nah.

Um weitere interessante Fassetten dieses Problem kennen zu lernen, muss man sich nur auf ein Gespräch mit Beratungsstellen für illegale Migranten einlassen. Dort erfährt man von den Flüchtlingen, die ohne Papiere, ohne Wohnsitz, ohne irgendeine Berechtigung oder Absicherung hier in Deutschland sind. Sie erhalten keine rechtliche Betreuung, auch nicht bei schweren psychischen Erkrankungen oder Behinderung, weil sie gar nicht in die Nähe einer ärztlichen Versorgung kommen. Wenn sie Glück haben, weist ihnen jemand den Weg zur Flüchtlingsberatung. Die Mitarbeiter dort können sich die Skrupel von Frau Eff nicht leisten. Sie sind oft genug der letzte Rettungsanker, und dass sogar ehrenamtlich. Respekt.