12 Dezember 2018

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die heitere Fortbildung

Selten genug findet man etwas, das man gar nicht gesucht hat. Wie schön, wenn das überraschend Gefundene dann auch noch beruflich nützlich ist. Warm in eine Decke gemummelt, liegt Frau Eff auf dem Sofa und liest Sven Regeners nicht mehr ganz so brandneues Buch „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (Galiani-Berlin 2013, 22,99 EUR). Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Lektüre eine astreine sozialpsychiatrische Fortbildung ist, die auf sehr unterhaltsame Weise eine psychische Erkrankung aus Klientensicht darstellt und zudem demonstriert, wie kreativ man auch als Betroffener die alten Sozialarbeitersprüche nutzen kann, die die Betreuer seit Jahrzehnten unverändert ausspucken.

Der Held der Geschichte, Karl Schmidt, soll laut Klappentext „Opfer eines depressiven Nervenzusammenbruchs“ gewesen sein. Alkohol und interessantere Drogen waren auch im Spiel, ebenso wie etliche andere ICD-Diagnosen. Ob er verrückt war, bevor er Drogen nahm oder Drogen nahm und dadurch verrückt wurde, weiß Karl Schmidt auch nicht so genau. Er ist aber froh, dass seine Mutter darauf gedrängt hat, ihn frühzeitig als „Multitox-Problemfall“ einzustufen, weil der Mutter ein „Drogensohn“ lieber war als ein „Psychopathensohn“. Nach Psychiatrie und langjähriger Behandlung ist Karl Schmidt nun in einer drogentherapeutischen Wohngemeinschaft mit dem schönen Namen „Clean-Cut 1“ gelandet, aus der er sich im Laufe des Buches auf eigene Faust verabschiedet. Es passieren sehr viele sehr lustige Dinge und wie so oft im Leben muss nicht nur Karl Schmidt feststellen, dass die psychischen Auffälligkeiten unter den angeblich Gesunden erstaunlich vielseitig sind.

Karl Schmidts Geschichte ist ein Roadmovie als Buch und es führt uns mit einer Truppe Techno-Freaks, Ravern und DJs in den Neunziger Jahren durch ganz Deutschland. Schmidt wird als Fahrer und Mädchen-für-alles für eine Veranstaltungstournee engagiert, weil man hofft, dass er, drogen-und alkoholfrei, einen klaren Kopf behalten wird. Das gelingt ihm auch meist erstaunlich gut, weil er sich strikt an das hält, was er in der Drogen-WG bei Werner gelernt hat. Werner ist dort Sozialpädagoge „und erfolgreicher Unternehmer im, wie Gudrun es nennt, Sozialscheißbereich“. So hat Karl Schmidt die Tour im Griff, weil er von den Erziehern gelernt hat, dass man immer eine Vorwarnung geben muss („aber dann auch einhalten!“) und durch punktuelle Nachsicht Souveränität zeigt. Wenn es hart auf hart kommt, schlägt er den „Werner-Sound“ an und droht „Passt auf, Leute, wenn ihr euch jetzt nicht zusammenreißt, dann müssen alle drunter leiden“.

Aber Karl Schmidt bekommt nicht nur die Orga-Sachen gut hin, er beschreibt auch das Erleben der eigenen psychischen Erkrankung so anschaulich, wie ich es noch nie gelesen habe. Auf die Frage, wie sich das anfühle, verrückt zu sein, erzählt er: „Okay, hast du schon mal geträumt, dass du in so einem Schleuderding auf dem Jahrmarkt bist, Hamburger Dom oder so, also so eine Krake oder so etwas Ähnliches (…) und dann gibt’s das ja im Traum, dass die Gondel, in der du drinsitzt, abreißt (…) Und dieser Moment, wo du merkst, dass die Gondel abgerissen ist und bevor sie aufschlägt, stell dir das mal nicht als Moment vor, sondern als Dauerzustand, der Magen krampft sich zusammen und du duckst dich in dich rein und eine unendliche Angst fährt dir in die Glieder und das bleibt so die ganze Zeit, kannst du dir das vorstellen?“

Von Sven Regeners 500 exzellenten Seiten über Verrückte, Abhängige und ihre Bewältigungsstrategiene gut angefixt, wollte ich mehr und habe mir Christof Kesslers Buch „Wahn“ besorgt (Eichborn Verlag 2013, 16,99 EUR). Anders, als der Titel vermuten ließe, handelt das Sachbuch nicht von psychischen Erkrankungen, sondern schildert extrem krasse Fälle von neurologischen Erkrankungen. Der Autor ist selbst Neurologe, sicher ein guter Arzt, aber nicht unbedingt ein begnadeter Erzähler. Auch wenn die einzelnen Studien faszinierend sind, hat mich kein Fall tatsächlich bewegt oder erschüttert. Vielleicht weil mir diese Welt so fremd, und die von Karl Schmidt so vertraut ist.