12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Unzufriedenheit

Es war wirklich ein hartes Stück Betreuerarbeit und ein langer und steiniger Weg, Frau G. zu ihrer Erwerbsminderungsrente zu verhelfen. Die monatliche Rentenzahlung befreit sie aus den Fängen des Jobcenters und sie hat erheblich mehr Geld zur Verfügung. Grund zur Freude, sollte man meinen. Aber was schlägt mir entgegen, als ich die gute Nachricht überbringe?

Missmutige Zweifel und sinnlose Sorgen, die sofort wieder alles mit einer negativen Sauce überziehen. „Und was ist, wenn es mir wieder besser geht? Dann kriege ich keine Rente mehr und der ganze Mist geht von Vorne los. GEZ muss ich jetzt auch zahlen“, sagt Frau G. zu mir. Sie beklagt auch, dass sie jetzt für immer als Verrückte abgestempelt sei. Dass die Rente erst am Ende des Monats überwiesen wird, und nicht wie das Arbeitslosengeld am Anfang, findet sie so schlimm, dass sie am liebsten alles wieder rückgängig machen würde.
Ähnlich Herr W. Er sitzt im Rollstuhl und braucht ein höhenverstellbares Pflegebett, um alleine vom Rollstuhl ins Bett und umgekehrt zu kommen. Die Pflegekasse hat dies abgelehnt, aber ich habe mit Widersprüchen und guten Argumenten eine Bewilligung des Pflegebettes über die Krankenkasse durchsetzen können. Als das Thema für mich schon abgehakt ist, ruft mich das Sanitätshaus an, das das Bett liefern soll. Man sagt mir, dass Herr W. sich geweigert habe, das Bett anzunehmen. Ungläubig rufe ich den Herren an. Ja, teilt mir mein Betreuter mit, er habe es sich anders überlegt. Dass er mit dem Aufstehen weiterhin warten müsse, bis der Pflegedienst kommt und ihn aus seinem tiefliegenden Bett in den Rollstuhl hebt, sei nicht so schlimm. Seine Begründung: Das Pflegebett ist hässlich und sieht zu sehr nach Krankenhaus aus. Herr W., der lediglich körperbehindert, aber ansonsten bei klarem Verstand ist, schlägt folgendes vor: Da die Krankenkasse ja jetzt das Geld für das Bett spare, könne das Sanitätshaus ihm doch stattdessen einen schönen Ledersessel liefern, auf dem er seine Beine lagern könne. Zur Verhinderung von Ödemen (Herr W. kennt sich mit medizinischen Fragen gut aus).

Frau Eff muss in solchen Momenten die Zähne zusammenbeißen und langsam bis Hundert zählen. Manchmal sind aber ein kleiner Wutausbruch und ein paar klare Worte auch ganz hilfreich. Was bei vielen Klienten aber nicht wegzureden ist, ist eine tiefe und grundsätzliche Unzufriedenheit mit sich und der Welt. In jede einzelne Faser, in jede Gehirnzelle scheint sich bei einigen der Wille zum Unglücklichsein eingenistet zu haben. Das finde ich schwerer zu ertragen als wirkliche Probleme, die angegangen und gelöst werden können. Gegen die graue Mißmutigkeit ist kein Kraut gewachsen. Bringe ich der grummelnden Frau P. ein Weihnachtsgesteck mit, sagt sie „Das nadelt mir den ganzen Teppich voll“. Verweise ich Herrn B. darauf, dass es vielen im Altenheim wesentlich schlechter geht als ihm, brummt er nur „Sie haben gut reden“. Vermittle ich der tierlieben Frau L. den wöchentlichen Besuch eines freundlichen Hundes, heißt es enttäuscht „Nach zwei Stunden ist der wieder weg und ich bin ganz alleine“.
In solchen Fällen kann man eigentlich nur hartnäckig bleiben und darf sich keinesfalls von der klebrigen schlechten Laune anstecken lassen. Wenn man die Meckerei eines Klienten mit einem Lächeln ignoriert, und es vor allem nicht persönlich nimmt, kommt man wesentlich entspannter durch den Tag. Dann gibt es sogar ab und zu Momente wie bei Herrn B., der mir einen Umschlag zusteckt, auf dem „für Frau Eff“ steht. Als ich ihn im Auto aufmache, ist eine selbstgemalte Geburtstagskarte für mich darin und die kurzbündige Mitteilung „Danke, dass es Sie gibt“.