16 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die verweigerte Hilfe

Der zwanzigjährige Betreute Paul macht Schwierigkeiten – sich, und allen anderen auch. Er bricht die gerade begonnene Lehre ab, zieht sich zurück, ist mundfaul, übellaunig und legt eine deutliche Verweigerungshaltung an den Tag. Ab und zu murmelt er etwas von Angst und Bedrohungen. Seinen Geschwistern gegenüber ist er aggressiv, mit den Eltern will er nicht sprechen. Die Familie bekommt seit einigen Jahren ambulante Unterstützung durch Mitarbeiter des Jugendamtes. Seit der Volljährigkeit bin auch ich als Betreuerin im Boot.

Für den jungen Mann wird sich meiner Ansicht nach in den nächsten vier Wochen entscheiden, ob er Hilfe bekommt oder einfach seinem Schicksal überlassen wird. Warum? Weil die Jugendhilfe – wie viel anderes Hilfesysteme auch – die Mitwirkung der Betroffenen zur Bedingung für alle weiteren Hilfen macht. Paul wird bald 21, dann endet die Jugendhilfe, es sei denn, man attestiert ihm eine seelische Behinderung, die er zweifellos hat. Dies kann aber nur ein Facharzt, dafür soll Paul nach Ansicht des Jugendamtes in eine Tagesklinik. Dort ist er seit vorgestern, noch geht alles gut. Trotzdem hat Frau Eff, Worst-Case-Tante-vom-Dienst, mal beim Jugendamt nachfragt, was denn wäre, wenn Paul aus der Klinik abhaut und auf die ganze „Psychokacke keinen Bock mehr hat“. Dann, ja dann, ist Schluss mit ambulanter Unterstützung durch die vertrauten Mitarbeiter. Wer nicht einsieht, dass er Hilfe braucht, der bekommt auch keine.

Interessanterweise ist dies ein zunehmend gerne gebrauchtes Argument der Kostenträger und teilweise auch der Anbieter. So spart man Geld und hält sich die besonders schwierigen Fälle vom Hals. Wie der Chef eines Teams des Betreuten Wohnens, der mich zum Erstgespräch zu einer geistig behinderten Klientin begleitet. Die Frau ist Analphabetin, die Wohnung ist ziemlich vermüllt, sie hat keine Tagesstruktur, kann sich kaum am Ort orientieren, hat Stress mit den Nachbarn und war seit Jahrzehnten nicht mehr beim Arzt. Ihr unangenehmste Eigenschaft: Sie brüllt immer ziemlich hysterisch, anstatt in normaler Lautstärke zu sprechen. Nun schaut sie den BeWo-Mann mit einer Mischung aus Neugierde und offener Ablehnung an. Der wirft sich betont lässig in einen Sessel, zieht noch nicht einmal die Jacke aus.

Die Frau schreit schrill und ungeduldig: „Ja, wat denn jetzt!?“
BeWo-Mann: „Wie, wat denn jetzt? Sie wollen doch was von mir.“
„Wie, ich will wat? Wat denn?“
„Ich habe gehört, Sie brauchen Hilfe. Dann erzählen Sie mir mal, wobei Sie Hilfe brauchen.“
„Ich brauch keine Hilfe, dat wär ja noch schöner.“
„Wie kommen Sie denn im Haushalt klar?“
„Mach ich alles alleine, können Se gucken.“
„Und bei der Körperpflege?“
„Soll dat heißen, ich stinke? Muss ich mir dat gefallen lassen, Frau Eff?“
„Haben Sie Freunde, Kontakt zu Ihrer Familie?“
„Wat geht Sie dat denn an.“
„Ja, Sie müssen schon mitmachen, sonst kommen wir nicht weiter. Was machen Sie denn so in Ihrer Freizeit?“
„Ich hab keine Freizeit, ich hab genug zu tun.“
So dreht sich das Ping-Pong-Spiel noch weiter im Kreis. Ein schönes Beispiel für zwei Menschen, die in gegenseitigem Widerwillen nichts miteinander zu tun haben wollen. Nur: Warum blockt der BeWo-Chef so? Der Grund ist, dass er keine neuen Klienten braucht. Seine Mitarbeiter sind gut ausgelastet, der Rubel rollt. Warum sollte er sich eine keifende, unkooperative „Kundin“ an Land ziehen, wenn er auch handzahme, nette Leute bekommen kann? Begründet wird das ganze Manöver dann mit dem progressiven Argument der Selbstbestimmung. Man will ja keinem Hilfe aufdrängen, der gar keine annehmen kann. Da würde man ja die Autonomie der Betroffenen mit Füßen treten, Gott bewahre!

Irgendwie höre ich den großen Chor der Sozialhilfeträger ins gleiche Horn blasen: Inklusion! Selbstbestimmung! Der Hilfebedürftige weiß selbst, was gut für ihn ist! Wir sind nur Lotsen, sanfte Begleiter. Keine Fremdbestimmung, nur unabhängige Beratung, Tanderadei…!

Und dann sitzen sie alle in ihren klimatisierten Büros und machen tolle Internetseiten und verteilen Flyer und Kugelschreiber. Und es stört sie nicht, dass keiner der Hilfebedürftigen die von ihnen benutzten Vokabeln versteht, dass keiner weiß, was Betreutes Wohnen konkret bedeutet, dass die meisten noch nicht mal Geld für die Busfahrt zu den zahlreichen Beratungsstellen haben.

Bei uns gibt es beispielsweise einen Behindertenbeauftragten, der genau erklären kann, welche Zuschüsse es für Umbauten im Rahmen der Wohnumfeldverbesserung gibt, wer Behindertenfahrten bezuschusst, der Listen mit barrierefreien Wohnung verschickt. Wer aber nicht der Lage ist, die 30 bis 40 Formulare für die Umbauten auszufüllen, wer nicht weiß, wie er an die geforderten Kostenvoranschläge kommt, wer die notwendigen Belege nicht einreicht, wer nicht weiß, wie man einen Wohnraummehrbedarf beantragt, der ist zwar ganz super selbstbestimmt, aber total verratzt.