9 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die vollen Tage

Ich kenne Leute, die lesen über Stunden hinweg aufregende Bücher, in denen viele Personen mit ihren abenteuerlichen Geschichten vorkommen. Oder sie gehen ins Kino, um dort mit Helden und Verlierern etwas Action in ihren ereignislosen Alltag zu bringen. Ein solches Ansinnen ist mir als rechtlicher Betreuerin fremd. Ich lese zwar gerne Bücher oder gehe ins Kino, aber nicht, um noch mehr Leben in meinen Kopf zu bekommen. Meine Tage sind voll genug. Hier eine kleine Kostprobe von heute:

Der bösartige Nachbar hat Klientin A. das Türschloss mit Sekundenkleber verstopft, die Täterschaft kann aber nicht bewiesen werden. Was tun? Wer zahlt den Schaden? Eine Stunde nach dieser Schreckensnachricht ruft das Krankenhaus an: Man finde bei dem Betreuten Herrn K., Ex-Junkie, beim besten Willen keine Vene mehr für einen Zugang. Der Herr Doktor fragt allen Ernstes mich, was er jetzt tun soll. Minuten später dann die Bundespolizei. Die Ehefrau meines Betreuten habe auf den Bahnsteig gekackt. Beide hätten jetzt Bahnhofsverbot, ich solle das mit Hilfe meines Aufenthaltsbestimmungsrechtes durchsetzen. Als ich dann nachmittags zu einem Hausbesuch bei einer alten Dame eintreffe, zeigt sie mir ihr zerfleddertes Adressbuch, in dem sie heute den Namen einer Freundin – alte Schulkameradin - durchgestrichen hat. Die ist vorgestern verstorben. Diese Freundin war der letzte noch nicht durchgestrichene alte Eintrag. Die einzigen Adressen und Telefonnummern, die noch in ihrem Büchlein stehen, sind die von mir, vom Pflegedienst und vom Hausmeister. Es kommt mir beim Anblick der verzweifelten Frau das Wort Bilanzsuizid in den Kopf und mir wird ganz schlecht.

Kaum zuhause angekommen, finde ich die junge, geistig behinderte Frau J. vor der Tür. Sie druckst herum, will mir etwas sagen. Mit einer seltsamen Mischung aus Furcht und freudiger Erwartung im Gesicht gesteht sie mir ihre Schwangerschaft. Ich bin völlig perplex, da sie mit einem implantierten Hormonpräparat verhütet, das angeblich supersicher sei. Nun, schimpfen nutzt jetzt auch nichts mehr, ihr kann ja kein Vorwurf gemacht werden. Sie war sich sicher, nicht schwanger werden zu können. Sie heult ein bisschen, ich nehme sie distanzlos in den Arm, weil sie mir leid tut, und verspreche ihr, dass wir schon einen Weg finden. Ihrem Frauenarzt, der die Schwangerschaft festgestellt hat, schicke ich ein Fax mit der Bitte, mich über alles Wichtige zu informieren.

Genau dieser Frauenarzt ruft mich dann abends an und ist erstaunt, dass ich nur die halbe Geschichte kenne. Ihm hat Frau J. anvertraut, dass sie in der Nachbarstadt einen Arzt gefunden hat, der ihr das Implantat wunschgemäß entfernt hat. Frau J. wollte nämlich schwanger werden. Dass sie bereits einen sechsjährigen Sohn hat, der trotz Mutter-Kind-Einrichtung nur knapp zwei Jahre bei ihr bleiben konnte, ist für sie kein Grund, an ihrem Plan zu zweifeln. Das ganze Theater mit dem Jugendamt hat sie komplett vergessen. Sie erinnert sich nur noch daran, dass die erste Schwangerschaft die beste Zeit ihres Lebens war. Die Monate vor und nach der Geburt sind für sie voller Aufmerksamkeit, positiver Zuwendung und Anerkennung gewesen. Noch heute ist ihre Wohnung tapeziert mit Fotos des Säuglings. Bereits heute Nachmittag meinte sie, das Kind schon in ihrem Bauch zu spüren. Dringend brauche sie neue weite Hosen und einen Still-BH. Sie ist in der 8. Woche.
Zu hoffen, dass ihr Körper es sich vielleicht noch anderes überlegt, hilft nicht weiter. Wenn sich diese Schwangerschaft nicht stabilisiert, dann wird es die nächste tun.

Und Sie, lieber Leser, freuen Sie sich, dass Sie dies alles einfach zur Entspannung lesen können. Legen Sie die Beine hoch, machen Sie frisches Popcorn und hoffen Sie auf eine spannende Fortsetzung. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.