18 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Weihnachtszeit

Frau A. sagt: Heiligabend kommt der Kevin sowieso nicht. Der geht lieber zu seinem Vatter. Is’ mir doch egal.

Herr W. sagt zu Frau Eff: Kommst Du Weihnachten zu mir? Ich back’ auch Plätzchen!

Frau L. sagt: Das ganze scheiß Weihnachten ist so ne Scheiße. Ich geh’ am Bahnhof, da ist immer jemand.

Herr E. sagt: Ich hab’ genug Flunis gesammelt, ich schieß mich ab.

Frau J. ist zum 21. Dezember ausgezählt. Sie bekommt ihr erstes Kind. 6000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Kindesvater nicht bekannt.

Frau R.s Gebiss ist seit Tagen im Heim verschwunden. Die Altenpflegerin findet es im Weihnachtsbaum, dicht mit Lametta umwickelt.

Herr und Frau K. haben ihre 42 Quadratmeter mit so vielen Lichterketten dekoriert, dass andauernd die Sicherung durchknallt.

Frau H. streicht lächelnd über ihre wulstigen Narben an beiden Handgelenken. Das war letztes Jahr Weihnachten.

Frau M. sitzt über Menüvorschlägen aus der Für Sie und plant seit September das Familienessen für den ersten Weihnachtstag. Ihre Psychose steht ihr schon bis zum Hals. Ich fürchte, dass sie am 24. Dezember auf Station 8 A festsitzen wird.

Frau Sch. sagt unter Tränen: Meine Tochter Julia wünscht sich ein iPhone. Wovon soll ich das bezahlen?

Herr F., nach seinen Plänen für die Festtage gefragt, öffnet wortlos seine Schranktür und zeigt auf seinen Vorrat an Obstbrand. Dann kommt der heilige Geist auch zu mir, krächzt er bitter.

Herr P. sagt: Jetzt ist die Marga schon zwei Jahre tot.

Frau A. zeigt vielsagend auf ein bunt verpacktes Päckchen und sagt: Das ist für Sie! Das dürfen Sie sich Weihnachten hier abholen!

Frau B. findet Weihnachten toll, weil da viele Spielfilme im Fernsehen kommen. Andere Unterschiede zum Alltag kann sie nicht benennen.

Frau N. hat den Adventskranz in der Behindertenwohngruppe zertreten und eine Kerze gegessen.

Auf Station 17 haben sich kurz vor dem 24. Dezember mal wieder die üblichen Verdächtigen krank gemeldet. Die verbleibenden Mitarbeiter müssen ihr eigenes Weihnachtsfest absagen und in den Dienst gehen.

Herr U. plant für sich über Weihnachten eine Unterbringung nach PsychKG (erst zwei Flaschen Korn, dann draußen Palaver machen), weil er sich in der Entgiftung besser fühlt als alleine zuhause.

Frau W. sagt: Jesus war auch behindert. Der hatte Hallus.

Frau G. sagt: Ich möchte‚ was für arme Kinder spenden. Kannst Du mir fünf Euro geben?

Bei Familie D. ist seit drei Jahren die Heizungsanlage kaputt. Reparatur können sie nicht bezahlen, ihr Haus verlassen wollen sie auch nicht. Die Innentemperatur entspricht ungefähr der Außentemperatur.

Herr Ö. trägt seit Oktober eine Nikolausmütze und sagt selig: Bald ist Weihnachten!

Frau Eff sagt: ich packe  zehn Bücher und ausreichend Rotwein in meinen Koffer und verkrieche mich bis Silvester in einer Ferienwohnung an der Belgischen Küste.
Mach ich jedes Jahr so.
Guter Plan.