14 Dezember 2018

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin, … und die wiedergefundene Mutter

Die Klientin Beate G. habe ich vor elf Jahren übernommen, als sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie volljährig wurde und eine rechtliche Betreuerin die Aufgabe des bisherigen Vormundes übernehmen musste. Beate besteht bis heute darauf, dass ich sie mit Vornamen anspreche. Ihr Nachname ist für sie fremd und voller schlechter Erinnerungen an ihre Familie, die sie mit 14 Jahren verlassen musste. Die Familie bestand damals nur noch aus Vater und Bruder, die Mutter war schon viele Jahre vorher mit ihrem besten Freund, Herrn Alkohol, durchgebrannt.
Beate gilt als leicht geistig behindert. Sie leidet zudem an einer psychischen Störung, die sich in Realitätsverlust, Wahnvorstellungen, Ängsten, Schlaflosigkeit und Selbstverletzungen äußert.

Im Laufe der Jahre gab es bei der Suche nach einem Platz zum Leben für Beate zwar immer wieder Rückschläge, Klinikeinweisungen und Verlegungen, aber seit drei Jahren ist endlich die richtige Umgebung gefunden. Eine nicht zu große Wohngruppe am Rande einer Kleinstadt, und eine reizarme, klare Tagesstruktur in einer nahegelegenen Förderstätte. Versuche in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung waren fehlgeschlagen, weil auch schon eine Teilzeitbeschäftigung Beate psychisch zu sehr belastet hatte.

Über all die Jahre ist das Thema Familie für Beate sehr wichtig gewesen. Der Vater reduzierte den Kontakt immer mehr, der Rest der Verwandtschaft will kaum etwas mit ihr zu tun haben. Beate träumt trotzdem davon, Teil eines glücklichen Familienverbundes zu sein. Den halbstündigen Besuch einer Tante wertet sie in der Erinnerung so auf, dass aus den wenigen Minuten ein Tagesausflug wird. In Hilfeplangesprächen gibt sie regelmäßig an, dass sie „später“ einmal eine große Familie haben möchte.

Vor wenigen Wochen erreicht mich dann ein Anruf: Frau G., die Mutter von Beate war am Apparat. Durch einen Postirrläufer des Sozialhilfeträgers, der eigentlich ihren Ex-Mann hätte erreichen sollen, hat sie erfahren, dass ihre Tochter in einem Behindertenheim lebt. Dort hat man sie an mich verwiesen. Mit Zustimmung von Beate und unter Begleitung und Moderation der Wohngruppenmitarbeiter wird der persönliche Kontakt hergestellt. Beate ist überglücklich. Und wie von mir befürchtet, kommt auch gleich Schritt Nummer zwei. Frau G. will die Betreuung ihrer Tochter übernehmen und sie zu sich holen. Um mir ein Bild zu machen, kündige ich einen Hausbesuch bei ihr an, mit dem die Mutter sofort einverstanden ist.

Frau G. lebt von Sozialhilfe und wohnt auf ca. 30 Quadratmetern. Es ist eng, mit Möbeln vollgestellt, zahlreiche Katzen beobachten mich missmutig vom Schrank aus. Frau G. erläutert mir strahlend, dass sie dafür sorgen werde, dass ihre Tochter endlich ein normales Leben führt. „In dem Heim da, da lernt die noch nichts. Immer unter die Bekloppte, also wissense wie ich dat meine, also dat sind ja auch arme Kinder, aber die Beate, die muss da raus. Dann wird dat auch besser mit die, wenn die die Tabletten nich mehr nehmen muss und so“. Mit Engelsgeduld und viel ehrlicher Anteilnahme gelingt es mir, die Mutter erst einmal auf einen mehrtägigen Probebesuch herunter zu handeln, damit sie ihre Tochter besser kennenlernen kann. Beate hat sich das sowieso gewünscht: Über Weihnachten zu Mama. Dass für beide nur ein Bett vorhanden ist, finden Mutter und Tochter völlig problemlos.

Am Silvestermorgen erreicht mich dann ein aufgeregter Mitarbeiter der Behindertenwohngruppe. Mutter G. habe ihre Tochter gerade dort abgeliefert, vier Tage später als verabredet. Beate sei total psychotisch, spreche nur noch von Soldaten und Krieg und verkrieche sich im Bett. Ihre Medikamente habe sie vollständig wieder mitgebracht, also seit sieben Tagen keine mehr genommen. Mit Dienstplanänderungen, dem Hausbesuch der Klinikpsychiaterin und viel persönlichem Einsatz kann eine Unterbringung verhindert werden.

Eine Woche später steht die Mutter erneut vor der Tür der Wohngruppe. Sie hat eine große Tüte Süßigkeiten mitgebracht, ist warmherzig und freundlich und will ihre Tochter fürs Wochenende abholen. Beate versteckt sich in ihrem Zimmer. Ja, es sei ihr aufgefallen, dass Beate beim letzten Mal am Schluss so komisch war, sagt die Mutter. Sie lässt ihre Geschenke vor Beates Zimmer und fährt enttäuscht nach Hause.

Prognose: Sobald der Medikamentenspiegel bei Beate stabil ist, wird sie ihre Mutter wieder anhimmeln, ihr jedes Wort glauben und zur ihr ziehen wollen. Mutter G. wird Beates Behinderung erneut ignorieren und eine engere Beziehung zu ihrer Tochter wünschen – auch sie ist schließlich auf der Suche nach einer „heilen Familie“. Die böse Betreuerin wird oft nein sagen, viele Gespräche führen und Balanceakte wagen müssen.