9 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und Exklusion durch Armut

In einem Radiointerview sagte letztens jemand von einer Sozialberatungsstelle in Düsseldorf: „Arm ist, wer noch nie am Rhein spazieren war“. Wie jetzt, frage ich mich, das kostet doch nix. Es wurde dann erklärt, dass dieses Beispiel Familien betrifft, die sieben, acht Kilometer weit vom Rhein entfernt wohnen und keine Ahnung haben, dass es am Wochenende günstige Familientickets für die Fahrt mit der Straßenbahn gibt. Normale Fahrscheine für Mutter, Vater und Kinder würden 20 Euro kosten, da geht man lieber im Stadtteil spazieren. Außerdem, erzählen die Eltern, fühle man sich unter den Leuten auf der Flaniermeile nicht wohl. Das hat Frau Eff nachdenklich gemacht. Ich fühle mich unter den Reichen und Schönen von Düsseldorf auch nicht wohl. Trotzdem gehe ich am Rhein spazieren. Die Schickimickis haben einen gewissen Unterhaltungswert und besonders im Frühjahr ist ein Eis am Flussufer etwas Schönes.

Um der Sache bei meinen Klienten mal auf den Grund zu gehen, frage ich bei einigen nach, wo sie nicht hingehen, weil sie sich da nicht wohl fühlen. Die Liste beschämt mich, auch als Bürgerin, und zeigt, dass Armut nicht nur etwas mit Geld zu tun hat.

Frau Ü. kocht gerne und ist eine begeisterte Bastlerin. Die städtische Bücherei schafft jeden Monat neue Koch- und Bastelbücher an. Das müsste für Frau Ü. das Paradies sein. Da geht sie aber nicht hin. Die Ordnungskriterien der vielen Regale ist ihr ein Rätsel, wie man an einen Leseausweis kommt auch. Fragen will sie nicht, weil sie sich dann so blöd vorkommt. Überhaupt, all die vielen Bücher, das schüchtert sie ein.

Herr K. kann gar nicht kochen. Essen muss er trotzdem, das tut er meistens bei einer Bäckereikette. Er lädt sich mittags einen Pott Kaffee, ein Baguette mit Käse, Schinken und Ei und als Nachtisch noch ein Hefeteilchen auf ein Plastiktablett. Kostet ihn alles zusammen 7,10 Euro. Herr K. nimmt seine Mahlzeit inmitten eines Einkaufszentrums zu sich, er findet es dort hektisch, laut und ungemütlich. Ich hatte ihm ein nahes Café am Schillerplatz empfohlen. Dort gibt es jeden Mittag ein Tagesgericht für 5,90 Euro, inklusive Getränk. Frisch gekocht, serviert auf schönem Porzellan, in einem lichtdurchfluteten Raum mit freundliche Leuten und einer netten Katze. Der Laden ist es gewohnt, dass die Gäste dort ihre Zeit vertrödeln, keiner würde Herrn K. blöd anschauen, auch wenn er dort länger säße. Er will aber nicht. Das Cafe ist ihm unheimlich. „Unsereins hat da nichts zu suchen“, sagt er.

Frau A. wiederum fühlt sich in Second-Hand-Läden nicht wohl. Sie hat extrem wenig Geld zur Verfügung, aber schon einmal benutzte Sachen will sie auf keinen Fall tragen. Während Frau Eff mit großer Begeisterung gebrauchte Hosen, Jacken und Kleider kauft, möchte Frau A. nicht das anziehen, was andere nicht mehr wollen. Es ist für sie ein Rest von Selbstachtung, für sich und ihre Kinder nur neue Kleidung zu kaufen.

Und so ließe sich die Liste fortführen: Herr D. findet die Vorstellung, ins Museum zu gehen auch dann völlig abwegig, wenn dort sonntags der Eintritt frei ist. Herr und Frau B. singen gerne, kämen aber nie auf die Idee, sich einem Chor anzuschließen. Sie haben Angst, dass nach der Probe alle gemeinsam in die Kneipe gehen und sie das nicht bezahlen können. Frau C. hat gehört, dass es eine Selbsthilfegruppe für Brustkrebsbetroffenen gibt. Daran hat sie großes Interesse. Als sie ahnungslos die Adresse des Treffpunkts sucht und sich in den feinen Räumen des Rotary-Clubs wiederfindet, macht sie sich nach zehn Minuten unter einem Vorwand aus dem Staub.

So wird mal wieder klar, dass es für viele unserer Klienten No-go-Bereiche gibt, die nicht durch Schilder oder Verbote abgetrennt sind. Schon das unangenehme Gefühl, nicht dazu zu gehören, reicht aus. Und wir, die wir so gerne wohlgemeinte Ratschläge geben, sollten dieses Unbehagen nicht unterschätzen.