12 Dezember 2018

Fotolia_FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und Klienten als Fachberater

Frau S. ist so etwas wie die superdurchschnittliche Klientin, die einem rechtlichen Betreuer auf den Schreibtisch kommen kann: Leichte Lernbehinderung, mittelschwere psychotische Episoden, medikamentös gut eingestellt, kooperativ, freundlich - im Grunde genommen die ideale Betreute. Die Zusammenarbeit mit ihr ist gut und seit Jahren business as usual. Und doch gibt es auch in solchen Fällen interessante Überraschungen.

Frau S. hatte vor einem halben Jahr ein merkwürdig insistives Interesse an einem Internetanschluss. Da sie ausreichend  Geld hat, habe ich ihr einen Anschluss legen lassen. Einen gebrauchten Rechner und wohl auch eine erfolgreiche Einführung in das weltweite Netz hat ihr eine Freundin geschenkt. Als ich vor ein paar Wochen zu ihr komme, sitzt sie grinsend vor dem PC und strahlt mich an. Geheimnisse kann sie nicht lange für sich gehalten.

„Was ist los, Frau S.?“ frage ich sie.
*grins*
„Los, raus damit!“ fordere ich sie lachend auf.
„Ich bin jetzt Internetcootsch“ sagte sie stolz.
„Sie sind was?!“

Es stellt sich dann heraus, dass Frau S. über die Vermittlung ihrer Freundin auf eine etwas dubiose Internetseite gestoßen ist, wo neben vielen Werbebannern psychisch kranke Menschen Fragen stellen und angeregten Austausch pflegen. Ohne lange zu zögern hat sich Frau S. dort als Therapeutin vorgestellt und gibt seitdem ihren Leidensgenossinnen fachlich fundierte Tipps. Ohne Scheu zeigt sie mir lange Chat-Protokolle, in denen sie zum Beispiel einer Frau beisteht, die sich nicht mehr vor die Tür traut. Dass der schriftliche Austausch voller Rechtschreibfehler ist, scheint keinen der Beteiligten zu stören. Frau S. hat mit ihrer „Patientin“ über Tage hinweg ein verhaltenstherapeutisches Trainingsprogramm durchgezogen, das mir sofort bekannt vorkommt: Erst nur bis zum Briefkasten gehen, dann Altglas wegbringen ohne jemanden zu grüßen, dann das gleiche mit Nachbarn-grüßen, dann jemand Fremden nach der Uhrzeit fragen etc. Jeder erfolgreiche Schritt wurde von der Internet-Patientin gemeldet und von Frau Therapeutin S. angemessen gelobt. Genau das gleiche hat Frau S. Therapeutin vor zwei Jahren auch mit ihr gemacht, nur nicht schriftlich. Frau S. ist sich so sicher in ihrer neuen Rolle, dass sie mich fragt, ob sie vielleicht eine Praxis aufmachen könne. Sie habe wirklich gute Erfolge und wäre dann ja auch nicht mehr von Sozialhilfe abhängig.

Von dieser Geschichte hellhörig gemacht, frage ich mal bei Frau B. nach, die auch Tag und Nacht online ist und ohne das Internet nicht leben kann. Ob sie denn diese Seite auch kenne, will ich von ihr wissen. Nein, kennt sie nicht, aber eine andere. Dort ist sie als Wahrsagerin tätig und hilft auch bei komplizierten Sternenkonstellationen gerne weiter. Das erklärt auch, warum seit einigen Monaten an ihrem Briefkasten zusätzlich der Name „Samira“ klebt. Das ist nämlich ihr Künstlername, unter dem sie postalisch und in bar ihr Honorar entgegen nimmt. „Wenn mal jemand nicht flüssig ist, schreib‘ ich auch an“ gibt sie großzügig zu. Ihre persönliche Spezialität sei es, den verzweifelten Ratsuchenden immer Hoffnung zu machen. „Wie ich das von euch gelernt habe“, sagt sie zu mir. Ich bin völlig verblüfft, dass so eine offensichtliche Betrügerei funktioniert.

Nun, wie sagt ein Freund von mir zu solchen Geschichten? „It takes two to tango“. Wer so naiv ist, sich mit seinen Problemen im Internet auf offensichtlich unseriösen Seiten jedem Dahergelaufenen auszuliefern, der muss sich nicht wundern, wenn er nur ein Glied in einer Kette von Verrückten ist.
Mein Mann sieht das allerdings positiv: „Ist doch prima, Empowerment von Psychiatrieerfahrenen für andere Betroffene. Alle gewinnen.“