18 Dezember 2018

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und Leistungsgewährungsmaschine

Frau A. hat es geschafft. Nachdem sie irgendwo in Afrika verfolgt und vergewaltigt, ihr Bruder ermordet, ihr Vater spurlos verschleppt, ihre restliche Familie ins Nachbarland vertrieben und sie selbst über Umwege in Deutschland gestrandet ist, erlauben ihr die deutschen Behörden nach drei Jahren der Prüfung den Aufenthalt in unserem sicheren und kalten Land - aus humanitären Gründen.
Frau A. ist nur in Anwesenheit ihrer Therapeutin in der Lage mit mir oder mit anderen Fremden zu sprechen. Bescheinigt wird ihr eine schwere Traumatisierung mit Flashbacks und massiven Angstzuständen. Die rechtliche Betreuung wird nach Aktenlage und ohne Anhörung eingerichtet.
Mit großer Mühe und unter Beruhigungsmitteln schafft Frau A. beim städtischen Ausländeramt die zwingend vorgeschriebene Abgabe der Fingerabdrücke bei der Beantragung des sogenannten Aufenthaltstitels. Sie durchleidet die Prozedur stumm und starr vor Angst. Immerhin ist sie froh, dass ich sie begleite.

Frau Eff, in Ausländerangelegenheiten eher unerfahren, rechnet nach dem Antrag auf Aufenthaltserlaubnis mit einem Übergang in die Zuständigkeit des Jobcenters innerhalb der nächsten Monate. Die sonst sehr träge städtische Verwaltung ist da flotter. Der Antrag des Aufenthaltstitels wird vom Ausländeramt gescannt und unverzüglich an das Sozialamt gemailt. Von dort aus informiert man Frau Eff knapp zwei Stunden später per Fax über den Rausschmiss aus der Asylbewerberunterkunft sowie über die Einstellung aller Zahlungen zum Monatsende. Es ist der 24. und ich kann es nicht fassen. Ungläubig rufe ich die städtische Mitarbeiterin an, die den Asylbewerbern wöchentlich die Schecks aushändigt. Sie bestätigt mir, dass das alles rechtens sei, wegen einer Wohnung solle ich mich an die Beratungsstelle für Obdachlose wenden. Freundlicherweise unterrichtet man mich darüber, dass Frau A. ab sofort auch nicht mehr krankenversichert ist. Ein Konto hat sie auch keines. Genauso wenig einen Pass. Und nur der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass Frau A. zwar fließend Tigrinya und Amharisch spricht, aber kein Wort Deutsch und nur wenig Englisch.

Als ich beim Jobcenter telefonisch um einen Termin für den Erstantrag bitte, wird mir dies unfreundlich verweigert („Wir vergeben keine Termine“). Am nächsten Morgen stelle ich mich um 7:45 Uhr in die Schlange und ziehe die Wartenummer 27. Nach einer Stunde Wartezeit fällt mein Blick auf die Hinweistafeln, die an jeder Bürotür kleben: „Unter Datenschutzaspekten führen wir ab sofort nur noch Einzelgespräche durch. Wir bitten um Verständnis für die längeren Wartezeiten“. Was das bedeutet, erschließt sich mir erst, als meine Nummer 27 dran ist. In jedem Büro sitzen zwei Mitarbeiter. Es wird aber jeweils nur eine Person eingelassen. Der Mitarbeiter, der mich nicht bearbeitet, daddelt während meiner Vorsprache auf seinem Handy herum.

Um gut vorbereitet zu sein, habe ich mir den Antrag auf SGB-II-Leistungen im Internet heruntergeladen und inklusive aller Anlagen ausgefüllt. Anstatt das zu loben, motzt mich der Jobcentermitarbeiter an „Wo hammse denn den her?“. Er ist sich sicher, dass meine Formulare falsch sind, muss aber feststellen, dass ich sogar eine neuere Version habe als er. Um bloß keine positive Stimmung aufkommen zu lassen, fragt er als nächstes, wo denn Frau A. sei. Ich erkläre, dass es der Frau wegen ihrer psychischen Erkrankung nicht möglich ist, ins Jobcenter zu kommen. „Dann ist die doch gar nicht arbeitsfähig. Was soll die denn dann hier bei uns!“ ist sein nächster Kommentar. Ich muss ihm erklären, dass „wir“ das immer so machen: Auch die offensichtlich Arbeitsunfähigen müssen durch die Jobcentermaschine.

Ich will Sie jetzt nicht mit endlosen Schilderungen davon langweilen, wie ich versucht habe, innerhalb von fünf Tagen den Geldfluss für Essen und Trinken, die Krankenversicherung, die Kontoeröffnung und ein Dach über dem Kopf für jemanden zu realisieren, den es vorher quasi gar nicht gab. Ich verrate ihnen nur eins: Es ist mir nicht gelungen. Und weil ich es unter Aspekten der Menschenwürde nicht ertragen kann, die furchtzerrüttete Frau A. mit einem Gutschein zur Lebensmittelausgabe der Tafel zu schicken, habe ich ihr privat Geld geliehen und ihr von all den Schwierigkeiten nichts erzählt. „Don’t worry“, habe ich ihr gesagt. „In the end everything will be good. If it’s not good, it’s not the end”. Daran glaube ich sogar selbst. Aber ich kriege Schüttelfrost vor Ärger, wenn ich daran denke, wie viele Flüchtlinge diese Ankunft im Land der Bürokratie ohne jede Hilfe schaffen müssen. Das ist erbärmlich und entwürdigend.